Zum Thema Engergiewende sprachen wir mit Henrik Borgmeyer. Er ist ein Unternehmer, der schon sehr früh seinen Weg in die Biogasbranche gefunden hat. Bereits während seines Studiums begann er, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, und setzte mit Anfang zwanzig seine erste eigene Biogasanlage um. Im Gespräch mit LAND.SCHAFFT.WERTE. wird deutlich, dass ihn vor allem die Verbindung von Technik, Landwirtschaft und Energie fasziniert. Er sieht Biogas nicht als Nischenlösung, sondern als wichtigen Bestandteil einer nachhaltigen und flexiblen Energieversorgung. Dabei betont er, wie entscheidend es ist, Biogas intelligent mit anderen erneuerbaren Energien wie Wind und Solar zu kombinieren, um Versorgungssicherheit zu schaffen. Gleichzeitig hebt er die regionale Bedeutung hervor: Biogas schafft Arbeitsplätze, nutzt lokale Ressourcen und trägt direkt zur Wertschöpfung vor Ort bei. Im Interview mit einem Pionier, der seit fast 25 Jahren mit viel Leidenschaft, Pragmatismus und unternehmerischem Mut die Energiewende aktiv mitgestaltet.
Herr Borgmeyer, wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, welcher Moment oder welches Projekt hat Ihnen den größten Energieschub gegeben?
Es war die Realisierung unseres bisher größten Windenergieprojekts – der Windpark Bösel West. Er besteht aus 6 großen Windenergieanlagen und hatte ein Investitionsvolumen von über 70 Mio. Euro. Das Projekt hat in der Entwicklung über 10 Jahre gedauert, mit sehr vielen Höhe und Tiefen. Aufgrund dieser langen Zeit freut es mich nun besonders, dass man nun endlich die Bauwerke bestaunen kann. Ich bin auch etwas stolz darauf, dass ich trotz anfänglicher großer Widerstände aus den Gemeinden, was die Höhe der Anlagen anbelangt (245m), hartnäckig geblieben bin. Nun, wo die Anlagen stehen, stört sich niemand an deren Höhe. Die Ängste konnten ausgeräumt werden.
Sie arbeiten mit Biogas, Wind und Solar. Wie bringen Sie diese drei Technologien zusammen und wo liegt im Moment Ihr Schwerpunkt?
Unser Schwerpunkt liegt im Bereich Biogas – in diesem Bereich arbeiten bei uns mehr als 100 Mitarbeiter (von 160). Dort haben wir die höchste Wertschöpfungstiefe, weil wir die Anlagen nicht nur planen, sondern auch schlüsselfertig europaweit bauen. In den kommenden Jahren wird es durch die so genannte Sektorkopplung sehr viele interessante Projekte geben, bei denen die verschiedenen Energieformen kombiniert werden, um optimal und bedarfsgerecht Energie zu erzeugen. Ein Beispiel: Die Biogasanlage bei uns am Firmensitz versorgt ein großes Wärmenetz. Wir überlegen nun, den Strom aus einer von uns neu gebauten Freiflächenphotovoltaikanlage im Sommer auch dazu zu nutzen, um mittels einer Wärmepumpe das Wärmenetz zu versorgen. Das ist aufgrund der sehr niedrigen Börsenstrompreise zur Mittagszeit im Sommer eine willkommene Nutzungsmöglichkeit für den ansonsten schwer handelbaren Solarstrom. Gleichzeitig sparen wir Inputstoffe für unsere Biogasanlage.

bioconstruct begleitet Projekte von der Planung bis zum Betrieb. Was macht diesen Ansatz so besonders und was unterscheidet Sie von anderen Unternehmen in der Branche?
Den großen Unterschied zu anderen macht aus, dass wir sehr viel langjähriges Know-how und Referenzen in allen drei Energieformen (Wind, PV, Biogas) haben. So etwas gibt es m.E. kein zweites Mal in Deutschland. Das breite Spektrum wird ergänzt durch sehr tiefes Wissen und Kenntnissen aus dem Anlagenbetrieb. Alle Anlagen, die wir bauen, basieren auf den Erfahrungen, die wir im Betrieb der eigenen Anlagen sammeln. Davon können wiederum unsere Kunden profitieren.
Ihr BioControl-System ist ein Begriff, der nicht allen geläufig ist. Was steckt dahinter und wie unterstützt es Betreiber in der Praxis?
Die BioControl ist unser eigenes Prozessleitsystem. Es ist eine Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS), die über eine Visualisierung dem Bediener zugänglich gemacht wird. Oder in anderen Worten: Es ist das Gehirn der Anlage, das alle Prozesse überwacht, dokumentiert und steuert. Während wir nahezu alle Anlagenteile zukaufen, ist die BioControl eine Eigenentwicklung. Wir stellen also den Dirigenten, aber die Instrumente kaufen wir zu.
Sie haben früh auf sogenannte Power Purchase Agreements gesetzt. Was bedeutet das genau und warum ist dieses Modell für die Energiewende so wichtig?
Im Rahmen so genannter PPA verkauft man den produzierten Strom direkt an einen Stromabnehmer oder an einen Stromhändler. Das ist in der Biogasbranche eher unüblich, weil es feste, gesetzlich geregelte Einspeisetarife gibt, die häufig über den Marktwerten liegen. Zur Zeit der Energiekrise 2022/2023 war das aber anders, sodass wir und viele unsere Kunden den Strom besser über direkte Verträge PPA verkaufen konnten.
Der Betrieb von Anlagen ist sicher anspruchsvoll. Wie stellen Sie sicher, dass alles reibungslos läuft, und mit welchen Herausforderungen haben Sie dabei am häufigsten zu tun?
Jede Anlage wird technisch vor Ort von erfahrenen Teams betreut. Bei Biogasanlagen sind das zwischen einem und 6 Mitarbeitern, je nach Größe der Anlage. Es gibt eine permanente Rufbereitschaft, die auf Störungen jederzeit 24/7 an sieben Tagen die Woche reagieren kann. Die größten Herausforderungen bestehen häufig aufgrund der Heterogenität der Inputstoffe. Wir haben es nicht mit genormten Stoffen, wie Öl oder Erdgas zu tun, die wir zu Strom umwandeln, sondern mit Pflanzenbestandteilen, Mist, Lebensmittel- und Industrieabfällen. Da kann es immer wieder vorkommen, dass Störstoffe wie Steine, Verpackungen, Eisenteile, usw. zu Schäden an der Technik führen.
Wie unterstützen Sie die Betreiber dabei, ihre Anlagen noch besser zu steuern und das Optimum herauszuholen?
Wir beraten unsere Servicekunden laufend zu neuen Entwicklungen und Trends in der Gesetzgebung und in der Anlagenkonfiguration. Darüber hinaus geben wir biologischen Support, damit sich die Bakterien in den Fermentern möglichst wohlfühlen. Zusätzlich führen wir regelmäßige Begehungen der Anlagen durch, damit diese sicherheitstechnisch auf dem aktuellsten Stand sind.
Wie bewerten Sie die aktuellen politischen Rahmenbedingungen für die erneuerbaren Energien und was müsste sich aus Ihrer Sicht dringend ändern?
Wie viel Zeit habe ich? Das ist ein weites Feld! An Willensbekundungen mangelt es selten, aber oft ist die Umsetzung neuer Gesetzesvorhaben sehr zäh. Zum Beispiel hat es über ein dreiviertel Jahr gedauert, bis die EU ihre beihilferechtliche Genehmigung für eine Anschlussförderung für Biogasanlagen, die aus dem alten EEG rausfallen, beschlossen hatte. Während die Entscheidung im Bundestag lange gefällt war, fehlte die Zustimmung der EU – dadurch sind viele Betreiber in die Bredouille gekommen, dass die Anlagen dauerhaft abgeschaltet werden müssen.
So verliert Deutschland wertvolle saubere Energie. Ein weiteres Problem sind nicht mehr zeitgemäße Restriktionen beim Netzanschluss von Erneuerbar-Energien-Anlagen. Vielerorts wäre noch Platz im Netz für weitere Anlagen, Netzbetreiber können diese aber nicht anschließen. Zum Beispiel könnten sich eine Windenergieanlage und eine PV-Anlage locker einen Netzanschluss „teilen“, weil nur sehr selten beide Anlagen gleichzeitig viel Energie einspeisen. Das wird momentan nicht ausreichend berücksichtigt.
Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Technik. Welche Verantwortung übernehmen Sie als Unternehmen darüber hinaus, zum Beispiel in Bezug auf Gesellschaft, Transparenz oder regionale Netzwerke?
Wir versuchen stets, lokale Bürgerinnen und Bürger sowie die Natur in unsere Projekte einzubinden. Oft gibt es bei neu entstehenden Windparks die Möglichkeit für Anwohnerinnen und Anwohner, zu investieren. Zudem bekommen Haushalte, die beispielhaft direkt Strom von unserer Biogasanlage in Melle-Krukum beziehen, vergünstigte Tarife. Uns ist wichtig, dass die Wertschöpfung immer auch in der Region ankommt, wo wir mit unseren Projekten vor Ort sind. Auch die Natur versuchen wir über die behördlichen Vorgaben hinaus zu schützen, indem wir Ausgleichs- und Brutflächen für schutzbedürftige Tiere schaffen. Dabei vertrauen wir auf externe Gutachten, die eine der Grundlagen für die Realisierung vieler Projekte sind.
Wenn wir zehn Jahre nach vorn schauen, wo sehen Sie bioconstruct und welche Rolle möchten Sie in der Energiewende spielen?
Das Stichwort hier lautet Sektorkopplung. Energie wird immer flexibler und dezentraler. Wir möchten auch in 10 Jahren noch marktführend in den großen Bereichen der erneuerbaren Energien sein und Pionierarbeit leisten.
Durch die Kombination aus diversen Energieträgern wie Biogas, Wind, Solar und Batteriespeichersystemen soll bioconstruct möglichst vielschichtige und nachhaltige Energiekreisläufe schaffen. Diese Kreisläufe können genutzt werden, um den Anteil an grüner Energie weiter zu erhöhen und die Abhängigkeit von fossilen Energien zu reduzieren.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich für eine Zukunft in der Landwirtschaft oder in den erneuerbaren Energien interessieren?
Auch, wenn es politisch manchmal anders aussieht, werden erneuerbare Energien in der Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Dadurch, dass in den Branchen und Geschäftsfeldern viel Bewegung herrscht, gibt es unzählige Hindernisse, Probleme und Workarounds, die auf euch zukommen. Ich nenne hier als Beispiel nochmal den Windpark Bösel-West, der uns als Unternehmen über eine Dekade begleitet hat, bevor tatsächlich Windenergie produziert wurde. Ich rate allen jungen Menschen, sich von der Arbeit nicht abhalten, sondern von der Vorstellung des Ergebnisses antreiben zu lassen. Oder anders formuliert: Habt keine Angst vor dem Verlieren, habt Lust aufs Gewinnen!
Vielen Dank für das Interview!
Lies in unserem Blogbeitrag „Mehr Nachhaltigkeit durch Biogas?„wie Biogas, Wind und Solar gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit sorgen.

Lies in unserem Blogbeitrag „Erneuerbare Energien in der Landwirtschaft„ wie Landwirtschaft zur Energiewende beiträgt und dabei neue Einnahmequellen schafft.
