Viele von uns kaufen Fleisch, Milch oder Eier im Supermarkt, ohne zu wissen, wie viel Arbeit dahintersteckt. PD Dr. Andreas Palzer, Präsident vom Wirtschaftsverband Freier Großtierärzte (WFG), Sie sorgen als Nutztierarzt dafür, dass die Tiere gesund sind und unsere Lebensmittel sicher. Dennoch wird Ihre Arbeit oft nicht genug gewürdigt. Wie erleben Sie das?
Das ist ein interessanter Punkt, weil ich hier deutlich zwischen zwei Welten unterscheiden würde. Innerhalb der Agrar- und Ernährungsbranche werden wir Nutztierärzte als kompetente, geschätzte Partner wahrgenommen. Landwirte, Futtermittelhersteller, Schlachtbetriebe, Verbände, Behörden, in diesem Umfeld erleben wir täglich, dass unsere Expertise gefragt ist und dass unsere Rolle anerkannt wird. Da geht es um ein eingespieltes Miteinander von Profis, die wissen, was der jeweils andere leistet.
Ganz anders sieht es beim Endverbraucher aus. Hier ist unsere Schlüsselrolle zwischen Landwirtschaft und Lebensmittel oft schlicht nicht bekannt. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es uns in der Ausprägung als Schlüsselrolle gibt, geschweige denn, was wir tun. Sie denken bei einem Tierarzt zuerst an die Haustier-Praxis nebenan, in die sie ihren Hund oder ihre Katze bringen. Dass wir Nutztierärzte das Bindeglied sind zwischen dem Stall des Landwirts und dem Lebensmittel im Supermarkt, das ist im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit fast nicht angekommen. Genau hier liegt eine unserer großen Aufgaben als Berufsstand: Wir müssen sichtbarer werden, wir müssen erklären, was wir tun und warum es relevant ist. Das war auch einer der Gründe, warum wir 2025 den Wirtschaftsverband Freier Großtierärzte – kurz WFG – gegründet haben: um der Nutztiermedizin eine eigene, sichtbarere Stimme zu geben und gerade auch in Richtung Verbraucher Brücken zu bauen.
In den letzten 10 Jahren wurde der Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung um 70% reduziert – eine riesige Leistung! Wie ist das gelungen, und was bedeutet das konkret für uns Verbraucher?
Das ist tatsächlich ein gemeinsamer Erfolg von Tierärzten, Landwirten und auch der Politik, der weltweit Beachtung findet. Gelungen ist das nicht durch ein einzelnes Instrument, sondern durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die ineinandergreifen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten systematisch in die Prävention investiert: bessere Impfkonzepte, modernere Stallhaltungssysteme mit besserem Klima und besserer Hygiene, konsequente Biosicherheit, kontinuierliche Bestandsbetreuung durch den Tierarzt und ein Umdenken auf den Höfen. Wenn Tiere gar nicht erst krank werden, brauchen sie auch keine Antibiotika.
Hinzu kommt ein engmaschiges Monitoringsystem: Wir erfassen den Antibiotikaeinsatz inzwischen sehr genau, vergleichen Betriebe untereinander, identifizieren Auffälligkeiten und arbeiten dann gezielt mit den Betrieben, die noch Verbesserungspotenzial haben. Es gilt der Grundsatz: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Für Verbraucher bedeutet das ganz konkret: weniger Antibiotika in der Tierhaltung heißt geringeres Risiko für die Selektion auf antibiotikaresistente Keime, und das wiederum schützt am Ende auch die Wirksamkeit von Antibiotika in der Humanmedizin. Genau das ist der One-Health-Gedanke in der Praxis: Was wir im Stall tun, hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen.
Man hört oft vom One-Health-Konzept: Tier, Mensch, Umwelt. Wo sind Sie als Nutztierarzt das Bindeglied – und warum ist das für uns alle relevant?
One Health ist für uns Nutztierärzte nicht nur ein abstraktes Konzept, sondern unser tägliches Arbeitsfeld. Wir stehen im wahrsten Sinne des Wortes an der Schnittstelle: zwischen Tier, Mensch und Umwelt. Konkret heißt das: Wir überwachen die Gesundheit von Tierbeständen, die später als Lebensmittel auf den Tellern der Menschen landen. Wir achten darauf, dass keine Zoonoseerreger, also Krankheitserreger, die vom Tier auf den Menschen überspringen können, in die Lebensmittelkette gelangen. Wir setzen Medikamente, insbesondere Antibiotika, verantwortungsvoll ein, weil wir wissen, dass Resistenzen, die im Stall entstehen, am Ende auch beim Menschen ankommen können. Und wir beraten Betriebe so, dass ihre Produktion ökonomisch und ökologisch tragfähig ist, Stichwort effiziente Ressourcennutzung, weniger Tierverluste, weniger Emissionen.
Mir persönlich ist dieses Thema auch über meine Praxis hinaus ein Herzensanliegen. Ich bin als Experte in die Beratergruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO zu den „Critically Important Antimicrobials“ berufen worden, das sind die für die Humanmedizin besonders kritischen Antibiotika. Das ist ein Gremium internationaler Fachleute, das auf wissenschaftlicher Grundlage einordnet, welche Antibiotika in der Tierhaltung besonders zurückhaltend eingesetzt werden müssen, um ihre Wirksamkeit für den Menschen zu erhalten. Genau das ist gelebte One-Health-Arbeit.
Warum ist das für die Verbraucher relevant? Weil die großen Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit, die Pandemien, Antibiotikaresistenzen, Zoonosen und Klimawandel nicht in einzelnen Bereichen gelöst werden können. Sie erfordern Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin, zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik. Die WHO als Weltgesundheitsorganisation, die WOAH als Weltorganisation für Tiergesundheit und die EFSA als Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit arbeiten genau in diesem Sinne zusammen. Und wir Nutztierärzte sind dabei eine zentrale, wenn auch oft unsichtbare Säule.
Ein Problem ist, dass viele Medikamente und Impfstoffe nicht mehr in der EU produziert werden. Was bedeutet das für Ihre Arbeit und für die Sicherheit unserer Lebensmittel?
Das ist eine der größten strukturellen Herausforderungen, die ich aktuell sehe, und das Thema wird in der öffentlichen Debatte deutlich unterschätzt. Wir erleben seit Jahren, dass immer mehr Wirkstoffe und Inhaltsstoffe von Impfstoffen nicht mehr in Europa produziert werden, sondern in Asien. Dazu kommen zunehmend strengere Zulassungsanforderungen und sehr lange Zulassungsverfahren in der EU, die dazu führen, dass Hersteller sich aus dem europäischen Markt zurückziehen oder einzelne Produkte gar nicht mehr anbieten. Die Folge sind Lieferengpässe, manchmal bei essenziellen Produkten, für die es schlicht keinen vergleichbaren Ersatz gibt.
Das hat ganz konkrete Konsequenzen für unsere Arbeit: Wenn ein Impfstoff nicht verfügbar ist, mit dem wir bisher routinemäßig geimpft haben, müssen wir das Impfschema umstellen, manchmal komplett neu aufbauen. Und wenn ein Impfstoff komplett wegfällt, etwa weil es keine Alternative gibt, ist die logische Konsequenz, dass mehr Tiere erkranken und in der Folge auch antibiotisch behandelt werden müssen. Das ist genau das Gegenteil dessen, was wir im Sinne der Antibiotikareduktion erreichen wollen.
Wie wenig die Versorgungsrolle der Tiermedizin politisch verankert ist, hat uns die Corona-Pandemie sehr deutlich vor Augen geführt. Tierärzte, auch Nutztierärzte, die mitten in der Lebensmittelversorgung stehen, wurden zunächst nicht automatisch der sog. „kritischen Infrastruktur und den systemrelevanten Berufsgruppen“ zugeordnet. Das hat uns in den Berufsverbänden ehrlich gesagt geschockt, und es war im Krisenmodus extrem schwierig, hier überhaupt Gehör zu bekommen. Wir mussten erklären, dass ohne Tierärzte im Stall die Lebensmittelversorgung in kürzester Zeit ins Wanken geraten kann, etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.
Für die Lebensmittelsicherheit ist die Frage der Versorgung mit Tierarzneimitteln mittelfristig ein Risiko, das wir nicht ignorieren dürfen. Wir brauchen eine starke europäische Produktion, schlankere und schnellere Zulassungsverfahren, und wir brauchen die politische Anerkennung, dass auch die Versorgungssicherheit mit Tierarzneimitteln zur Krisenvorsorge dazugehört, genauso wie bei Humanarzneimitteln.
In der Tiermedizin wird viel geimpft – oft mehr als bei uns Menschen. Warum ist das so, und was bringt das für die Lebensmittelsicherheit?
Das hat einen sehr klaren Grund: Wir arbeiten in der Nutztiermedizin grundsätzlich präventiv und mit Beständen und Gruppen von Tieren, nicht mit einzelnen Patienten wie in der Human- oder Kleintiermedizin. Wenn in einem Bestand mit mehreren tausend Tieren ein Erreger zirkuliert, kann das innerhalb weniger Tage zu einem massiven Krankheitsgeschehen führen. Und das wäre nicht nur ein wirtschaftliches Problem für den Betrieb, sondern auch ein Tierwohl- und Lebensmittelsicherheitsproblem.
Impfungen sind hier das wirksamste Werkzeug, das wir haben. Sie verhindern Erkrankungen, bevor sie entstehen und damit verhindern sie auch den Einsatz von Antibiotika. Das ist der direkte Zusammenhang: Mehr Impfen heißt weniger Antibiotika. Genau deshalb spricht man inzwischen auch in der Veterinärmedizin von der Immunprophylaxe als wichtigstem Pfeiler der modernen Bestandsbetreuung.
Für die Lebensmittelsicherheit bedeutet das: Geimpfte Tiere sind gesunde Tiere, gesunde Tiere produzieren sichere Lebensmittel. Und ein engmaschiger Impfschutz in den Beständen schützt gleichzeitig auch die Tierhalter und das Personal, das im Stall arbeitet, sowie indirekt die Konsumenten. Impfungen sind aus meiner Sicht eine der wirkungsvollsten Lebensmittelsicherheitsmaßnahmen überhaupt, auch wenn das in der öffentlichen Debatte selten so dargestellt wird.
Was bedeutet Verantwortung für Sie? Sie tragen Verantwortung für Tiere, Menschen und die Umwelt. Wie geht man mit so einer großen Verantwortung um?
Verantwortung ist für mich kein abstraktes Wort, sondern täglicher Maßstab meiner Arbeit. Wir Nutztierärzte tragen Verantwortung auf mehreren Ebenen gleichzeitig: für die einzelnen Tiere, die wir behandeln, für die Bestände, die wir betreuen, für die Landwirte, die auf unseren Rat angewiesen sind, und am Ende für die Verbraucher, deren Lebensmittel durch unsere Hände gehen. Diese Vielschichtigkeit macht den Beruf so herausfordernd, und so spannend.
Ich habe gelernt, dass man diese Verantwortung am besten trägt, wenn man sie nicht allein trägt. Deshalb engagiere ich mich seit vielen Jahren berufspolitisch und in der Fachpolitik. Ich bin Präsidiumsmitglied im Bundesverband Praktizierender Tierärzte, dem bpt, ich bin in der Bayerischen Landestierärztekammer aktiv, ich vertrete als deutscher Delegierter die praktizierenden Tierärzte in den europäischen Berufsverbänden FVE und UEVP, ich sitze in der WHO-Beratergruppe zu Antibiotika, und ich bin Präsident des Wirtschaftsverbands Freier Großtierärzte. Daneben lehre ich als Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das klingt nach viel und ist zeitlich neben der Familie und Praxis auch herausfordernd, aber es geht in all diesen Funktionen um dasselbe Ziel: gute Rahmenbedingungen zu schaffen, evidenzbasiert zu argumentieren und die Stimme der praktizierenden Tierärzte in politische und gesellschaftliche Entscheidungen einzubringen. Das ist die Seite unseres Berufs, die viele nicht sehen.
Und ganz konkret hilft mir regelmäßige Reflektion: Wer mit dieser Verantwortung umgeht, muss sich immer bewusst sein, dass er nicht alles wissen kann. Wir arbeiten in komplexen biologischen Systemen, müssen ständig dazulernen und uns auch die Frage stellen lassen, ob das, was wir heute für richtig halten, in zehn Jahren noch der richtige Weg ist. Diese Haltung gehört für mich zu unserem Beruf dazu.
Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Einblicke. Gibt es eine Botschaft, die Sie den Verbrauchern besonders mit auf den Weg geben möchten?
Meine Botschaft wäre eine doppelte. Zum einen: Vertrauen Sie der Arbeit, die hinter unseren Lebensmitteln steht. Die Produktionsstandards in Deutschland und Europa gehören weltweit zu den höchsten. Wir haben strenge gesetzliche Vorgaben, eine engmaschige Kontrolle entlang der gesamten Lebensmittelkette, eine konsequent reduzierte Antibiotikaanwendung und einen Berufsstand von Tierärzten, der sich seiner Verantwortung sehr bewusst ist. Wer hier einkauft, kauft sichere und qualitativ hochwertige Lebensmittel.
Zum Anderen aber, und das liegt mir besonders am Herzen: Diese Strukturen funktionieren nur, solange es genug Menschen gibt, die diesen Beruf ausüben wollen. Und genau hier haben wir aktuell ein riesiges Problem. Der Nachwuchsmangel ist das Thema Nummer eins in der Nutztiermedizin. Es gibt zu wenig junge Tierärztinnen und Tierärzte, die in die Nutztierpraxis gehen, und damit zu wenig Nachwuchs für genau die Arbeit, die unsere Lebensmittelsicherheit erst möglich macht. Bayern hat darauf bereits politisch reagiert und eine Nutztierarztquote bei der Studienplatzvergabe eingeführt, ein wichtiger Schritt. Aber das allein reicht nicht.
Was wir auch brauchen, ist das Verständnis der Gesellschaft, das Wissen der Verbraucher, welche Schlüsselrolle wir Nutztierärzte zwischen Stall und Supermarkt einnehmen. Wer einen Beruf gesellschaftlich nicht sieht, dem fehlt auch der Nachwuchs. Deshalb ist diese Art von Kommunikation, Beiträge wie dieser hier, aus meiner Sicht so unglaublich wichtig. Wenn Verbraucher verstehen, was wir tun und warum es relevant ist, dann entscheiden sie sich beim Einkauf bewusster, sie unterstützen regionale Produkte, sie schätzen die Arbeit hinter den Lebensmitteln. Und genau dadurch helfen sie indirekt mit, dass es auch in zwanzig Jahren noch eine starke, kompetente Nutztiermedizin in diesem Land geben wird. Das ist eine gemeinsame Verantwortung von Tierärzten, Landwirten, Politik und Verbrauchern. Und für genau diese Verbindung stehe ich mit meiner Arbeit jeden Tag ein.
Vielen Dank für das Interview!