One Health erklärt: Warum Nutztierärzte für unsere Gesundheit unverzichtbar sind – Interview mit WFG-Präsident PD Dr. Andreas Palzer

Wie sicher sind unsere Lebensmittel wirklich – und welche Rolle spielen Tierärzte dabei?

Viele Menschen sehen im Alltag nur das Produkt im Supermarkt. Doch dahinter steckt ein komplexes System aus Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit und Verantwortung. Nutztierärzte sind dabei ein entscheidendes Bindeglied zwischen Stall und Verbraucher.

In diesem Interview spricht PD Dr. Andreas Palzer vom WFG über die gesellschaftliche Bedeutung der Nutztiermedizin, die drastische Reduktion von Antibiotika, das One-Health-Konzept und die Herausforderungen einer modernen Landwirtschaft.

Viele von uns kaufen Fleisch, Milch oder Eier im Supermarkt, ohne zu wissen, wie viel Arbeit dahintersteckt. PD Dr. Andreas Palzer, Präsident vom Wirtschaftsverband Freier Großtierärzte (WFG), Sie sorgen als Nutztierarzt dafür, dass die Tiere gesund sind und unsere Lebensmittel sicher. Dennoch wird Ihre Arbeit oft nicht genug gewürdigt. Wie erleben Sie das?

Das ist ein interessanter Punkt, weil ich hier deutlich zwischen zwei Welten unterscheiden würde. Innerhalb der Agrar- und Ernährungsbranche werden wir Nutztierärzte als kompetente, geschätzte Partner wahrgenommen. Landwirte, Futtermittelhersteller, Schlachtbetriebe, Verbände, Behörden, in diesem Umfeld erleben wir täglich, dass unsere Expertise gefragt ist und dass unsere Rolle anerkannt wird. Da geht es um ein eingespieltes Miteinander von Profis, die wissen, was der jeweils andere leistet.

Ganz anders sieht es beim Endverbraucher aus. Hier ist unsere Schlüsselrolle zwischen Landwirtschaft und Lebensmittel oft schlicht nicht bekannt. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es uns in der Ausprägung als Schlüsselrolle gibt, geschweige denn, was wir tun. Sie denken bei einem Tierarzt zuerst an die Haustier-Praxis nebenan, in die sie ihren Hund oder ihre Katze bringen. Dass wir Nutztierärzte das Bindeglied sind zwischen dem Stall des Landwirts und dem Lebensmittel im Supermarkt, das ist im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit fast nicht angekommen. Genau hier liegt eine unserer großen Aufgaben als Berufsstand: Wir müssen sichtbarer werden, wir müssen erklären, was wir tun und warum es relevant ist. Das war auch einer der Gründe, warum wir 2025 den Wirtschaftsverband Freier Großtierärzte – kurz WFG – gegründet haben: um der Nutztiermedizin eine eigene, sichtbarere Stimme zu geben und gerade auch in Richtung Verbraucher Brücken zu bauen.

Mir persönlich ist dieses Thema auch über meine Praxis hinaus ein Herzensanliegen. Ich bin als Experte in die Beratergruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO zu den „Critically Important Antimicrobials“ berufen worden, das sind die für die Humanmedizin besonders kritischen Antibiotika. Das ist ein Gremium internationaler Fachleute, das auf wissenschaftlicher Grundlage einordnet, welche Antibiotika in der Tierhaltung besonders zurückhaltend eingesetzt werden müssen, um ihre Wirksamkeit für den Menschen zu erhalten. Genau das ist gelebte One-Health-Arbeit.

Das hat ganz konkrete Konsequenzen für unsere Arbeit: Wenn ein Impfstoff nicht verfügbar ist, mit dem wir bisher routinemäßig geimpft haben, müssen wir das Impfschema umstellen, manchmal komplett neu aufbauen. Und wenn ein Impfstoff komplett wegfällt, etwa weil es keine Alternative gibt, ist die logische Konsequenz, dass mehr Tiere erkranken und in der Folge auch antibiotisch behandelt werden müssen. Das ist genau das Gegenteil dessen, was wir im Sinne der Antibiotikareduktion erreichen wollen.

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