Nachwuchsmangel und berufliche Herausforderungen in der Nutztiermedizin – Interview mit Sebastian Mascher vom WFG

Sichere Lebensmittel beginnen nicht erst im Supermarkt, sondern bereits im Stall. Nutztierärztinnen und Nutztierärzte leisten einen wichtigen Beitrag zur Tiergesundheit, zur Prävention von Krankheiten und zur Biosicherheit in landwirtschaftlichen Betrieben. Gleichzeitig steht die Branche vor großen Herausforderungen: Der Nachwuchsmangel nimmt zu, Tierseuchen erfordern immer komplexere Schutzmaßnahmen und moderne Technologien verändern den Arbeitsalltag. Im Interview spricht Tierarzt Sebastian Mascher vom Wirtschaftsverband Freier Großtierärzte (WFG) über die Zukunft der Nutztiermedizin, die Bedeutung präventiver Bestandsbetreuung und darüber, warum seine Arbeit weit mehr umfasst als die Behandlung kranker Tiere.

Das hat aus meiner Sicht mehrere Ursachen. Wenn ich an mein eigenes Studium denke, dann war das Thema Nutztiermedizin, und speziell die Schweinepraxis, während der Ausbildung nur ein kleines Randthema. Viele Studierende kommen mit dem Wunsch und Ziel an die Uni, später mal Kleintiere zu behandeln. Die Großtierpraxis hat teils kein attraktives Image oder ist schlicht unbekannt, dabei ist sie unglaublich vielseitig: Wir sind Tiermediziner, Berater, Bestandsmanager und ein Stück weit auch Unternehmer. Was sich ändern müsste? Zum einen brauchen wir mehr Sichtbarkeit für unseren Beruf, schon im Studium und in Praktika. Zum anderen müssen wir als Branche zeigen, dass Nutztiermedizin und Familienleben heute sehr wohl zusammenpassen. Wir arbeiten in größeren Teams, haben planbarere Strukturen als früher, gute Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung. Das Bild vom überlasteten Einzelkämpfer, der Tag und Nacht im Stall steht, entspricht schlicht nicht mehr unserer Realität.

Was viele unterschätzen: Biosicherheit endet nicht am Stalltor. Wir arbeiten als regional verankerte Praxis eng mit den Veterinärämtern, Schlachthöfen und Tierkörperbeseitigungen in unserem Einzugsgebiet zusammen. Dieses Netzwerk ist im Ernstfall Gold wert – wir wissen, mit wem wir reden müssen, kennen die Wege und können sehr schnell und gezielt die passenden Maßnahmen für eine Region einleiten. Genau diese Vernetzung macht den Unterschied zwischen einem kontrollierten Ausbruch und einer großflächigen Krise.

Wenn ich morgens losfahre, habe ich quasi meine mobile Apotheke im Auto – und Antibiotika sind darin der kleinste Teil. Den Großteil machen Futterergänzungsmittel und Impfstoffe aus. Dazu kommt eine ganze Reihe an Werkzeugen für die Bestandsberatung: Wärmebildkamera, Schadgasmessgerät, Nebelgerät zur Lüftungsprüfung, Langzeit-Temperatur-Tracker für die Stallklima-Analyse. Das zeigt eigentlich gut, worum es in meinem Alltag wirklich geht: um Prävention, um Impfkonzepte, um Beratung zu Fütterung, Stallklima und Biosicherheit. Wir reden über Bestandsbetreuung, nicht über die Spritze in der Hand.

Für meine Arbeit bedeutet das: Ich habe enorm viele Daten zur Verfügung, die mir helfen, einen Bestand zu beurteilen und Trends früh zu erkennen. Wenn das Trinkverhalten der Tiere ungewöhnlich ist, sieht der Landwirt das bei entsprechender Ausstattung im Stall, bevor das erste Tier krank wirkt. Wenn die Klimadaten im Stall aus dem Ruder laufen, erkennen wir das schnell.

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