Frau Dr. Köhler, wenn wir uns heute Abend eine Pizza oder einen frischen Salat zubereiten – wie viel „Syngenta“ steckt eigentlich in einer durchschnittlichen Mahlzeit, ohne dass wir es auf der Verpackung lesen?
Wenn wir abends eine Pizza zubereiten oder einen frischen Salat, steckt in den Zutaten oft mehr Forschung, als wir ahnen – und das auf überraschend vielen Ebenen. Moderne Pflanzenzüchtung ist die unsichtbare Grundlage vieler Lebensmittel, die täglich auf unserem Tisch landen. Bei Syngenta leisten wir unseren Teil dazu. Die Tomaten für die Pizzasauce stammen häufig aus gezüchteten Sorten, die auf Geschmack und Haltbarkeit optimiert wurden. Der darauf liegende Käse stammt von Kühen, die mit Silomais gefüttert wurden. Die Salami obendrauf? Von Schweinen, die Wintergerste in ihrer Futterration hatten. Und die vielen verschiedenen Blattsalatsorten daneben – auch in ihnen steckt intelligente Pflanzenzüchtung. Wir stehen nicht auf der Verpackung – aber wer genau hinschaut, findet die Arbeit von Züchtern wie Syngenta am Anfang fast jeder Zutat.
Man bezeichnet Saatgut oft als die „strategische Ressource“ der Zukunft. Könnte man sagen, dass die Züchtung das unsichtbare Betriebssystem ist, das dafür sorgt, dass unsere Supermarktregale trotz Klimawandel und Krisen gefüllt bleiben?
Das Bild gefällt mir gut. Saatgut ist tatsächlich die Basis, auf der alles andere aufbaut – Anbau, Logistik, Verarbeitung, Handel. Wenn das Betriebssystem nicht funktioniert, hilft die beste Infrastruktur drumherum wenig. Was Züchtung heute leisten muss, ist enorm: Sorten sollen höhere Erträge liefern, widerstandsfähiger gegen Trockenheit oder neue Krankheiten sein – und das alles gleichzeitig. Das ist keine lineare Aufgabe, das ist permanente Parallelentwicklung. Und genau deshalb ist es richtig, Saatgut als strategische Ressource zu betrachten – vergleichbar mit Energie oder Wasser.
Wir alle merken, dass die Sommer heißer und trockener werden. Wie forscht Syngenta daran, dass eine Weizenähre oder eine Maispflanze mit extremer Hitze klarkommt, damit das Brot beim Bäcker bezahlbar bleibt?
Wir alle erleben, wie sich die Wachstumsbedingungen verändern – längere Trockenphasen, späte Fröste, Hitzeperioden genau dann, wenn die Pflanzen besonders empfindlich sind. Das sind keine Zukunftsszenarien mehr; das ist die Realität auf den Feldern in Deutschland heute. In der Züchtung bedeutet das: Wir testen unsere Sorten systematisch unter schwierigen Bedingungen – in speziellen Klimakammern, auf Versuchsflächen in verschiedenen Regionen und in enger Zusammenarbeit mit Landwirten. Zwei konkrete Beispiele: Unsere Hybridgerste – besonders leistungsstarke Gerstensorten aus gezielter Kreuzung – ist darauf ausgelegt, auch unter schwierigen Bedingungen stabile Erträge zu liefern. Und mit unserer Artesian-Linie haben wir Maissorten im Portfolio, die die Pflanze dazu bringen, das vorhandene Wasser besonders effizient zu nutzen – gerade in den kritischen Wochen, wenn Hitze und Trockenheit zusammenfallen. Nicht die Maximalleistung bei Idealwetter ist das Ziel, sondern die Verlässlichkeit, wenn es schwierig wird. Das ist letztlich die Voraussetzung dafür, dass Preise stabil bleiben.
In der öffentlichen Debatte wird oft über Pflanzenschutzmittel gestritten. Ist eine moderne, resistente Sorte eigentlich die beste Versicherung, um in Zukunft mit weniger äußeren Hilfsmitteln stabile Ernten einzufahren?
Resistente Sorten sind ein wichtiger Baustein – aber die Antwort auf stabile Ernten ist kein „Entweder-oder“. Moderner Pflanzenschutz ist ein wichtiges Werkzeug für Landwirte und sollte es auch bleiben. Was sich verändert, ist das Zusammenspiel: Widerstandsfähige Sorten, gute ackerbauliche Praxis und digitale Lösungen – etwa um den richtigen Zeitpunkt für eine Behandlung präzise zu bestimmen – ergänzen sich gegenseitig. Je robuster die Sorte, desto gezielter kann der Landwirt bei Bedarf eingreifen. Zwei konkrete Beispiele aus unserem Hybridgersten-Portfolio: Hyvido ist widerstandsfähiger gegenüber Ramularia – einem Pilz, der braune Flecken auf den Blättern verursacht und die Ernte erheblich schwächen kann. Und Hyvido Neo ist speziell darauf ausgelegt, dem Gelbverzwergungsvirus der Gerste standzuhalten – einem Virus, das durch Blattläuse übertragen wird und die Pflanze so stark schwächt, dass sie kaum noch Ertrag bringt. Das Ziel sollte nicht darin bestehen, die Landwirtschaft einzuschränken, sondern sie noch besser zu machen – mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Verbraucher wünschen sich Tomaten, die nach Sommer schmecken, und Salat, der im Kühlschrank nicht sofort welkt. Wie balanciert Ihre Forschung den harten Anspruch an die Ertragssicherheit mit dem Wunsch der Kunden nach Qualität und Genuss?
Das ist eine der spannendsten Fragen in der modernen Züchtung – und früher war es tatsächlich oft ein Zielkonflikt: Ertrag oder Geschmack. Heute ist das nicht mehr zwingend so. Ein gutes Beispiel ist unsere Tomatensorte Adorelle – eine kleine, rote Snacktomate, die speziell für den Frischmarkt entwickelt wurde. Sie vereint einen ausgeprägten, süßlich-fruchtigen Geschmack mit einer festen Textur und langer Haltbarkeit. Gleichzeitig ist sie widerstandsfähig gegen ein aggressives Tomatenvirus, das in den letzten Jahren weltweit für große Ernteausfälle gesorgt hat – und das sich leider auch in Gewächshäusern hierzulande ausbreitet. Das zeigt: Geschmack, Haltbarkeit und Robustheit schließen sich nicht aus. Die Herausforderung liegt darin, alles in einer Pflanze zu vereinen – und das gelingt uns immer besser.
Von der ersten Idee im Labor bis zum Brot beim Verbraucher vergehen oft viele Jahre. Warum ist die Saatgutforschung heute eine so kritische Infrastruktur, um die Ernährungsprobleme von morgen schon heute zu lösen?
Wer heute eine neue Sorte auf den Markt bringt, hat vor 10 bis 15 Jahren mit der Forschung daran begonnen. Das ist das Besondere – und das Anspruchsvolle – an unserem Geschäft. Wir müssen heute wissen, welche Bedingungen Landwirte in den 2030er-Jahren vorfinden werden, und jetzt die richtigen Entscheidungen treffen. Das macht Saatgutforschung zu einer der langfristigsten Investitionen in der Landwirtschaft – ähnlich wie der Bau einer Straße oder eines Kraftwerks, nur dass das Ergebnis auf dem Teller landet. Kein anderer Bereich der Lebensmittelversorgung muss so weit vorausdenken. Und genau deshalb ist es wichtig, in Züchtung zu investieren – von Unternehmen wie Syngenta, aber auch von der Politik und der Gesellschaft.
Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft blicken: Welche Innovation im Saatgut wird unseren täglichen Einkauf am stärksten verändern?
Ich bin überzeugt, dass sogenannte Neue Genomische Techniken – kurz NGT – die Pflanzenzüchtung in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern werden. Vereinfacht gesagt: Mit NGT können wir in der DNA einer Pflanze gezielt einzelne Stellen verändern – ähnlich wie ein Texteditor, der einen Tippfehler korrigiert, ohne den Rest des Textes anzutasten. Das Ergebnis ist eine Pflanze, die sich von einer natürlich entstandenen Sorte nicht unterscheidet – nur dass wir diesen Schritt in wenigen Jahren statt in Jahrzehnten erreichen. Das bedeutet: klimaresistentere Sorten, bessere Nährstoffe, stabilere Erträge – und das deutlich schneller als bisher. Die EU hat Ende 2025 nach langen Verhandlungen grünes Licht für diese Technologie gegeben – ein wichtiges Signal dafür, dass Europa die Chance erkannt hat. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil, der oft übersehen wird: Weil NGT die Entwicklungszeit deutlich verkürzt und damit die Kosten senkt, kann Saatgut langfristig preiswerter werden – was sich letztlich im Einkaufskorb der Verbraucher bemerkbar macht.
Vielen Dank für das Interview!