Was kostet mehr Tierwohl?

Die Tierwohl-Diskussion ist alles andere als eine „dekadente“ oder „überflüssige“ Debatte. [..] Das Thema geht die ganze Gesellschaft an. – Christian Dürnberger

Was kostet mehr Tierwohl?

Dass es ein „Weiter so“ in der deutschen Tierhaltung nicht mehr geben wird, ist mittlerweile allseits bekannt. Spätestens nach der im Juni von ALDI angekündigten Offensive, dass der Discounter ab dem Jahr 2030 nur noch Frischfleisch der Haltungsformen 3 und 4 anbieten wird, hat es auch der letzte Skeptiker verstehen müssen. Diese Ankündigung ist eine Konsequenz des gesellschaftlichen Diskurses rund ums Tierwohl, der sich in den letzten Jahren vollzogen hat.

Die Ausgangslage

Innerhalb der Gesellschaft ist eine sogenannte Werteverschiebung zu beobachten, die einen Transformationsprozess der Landwirtschaft und besonders der Tierhaltung nach sich zieht. Haben die deutschen Landwirte jahrzehntelang in Masse produzieren müssen, so befinden wir uns in einem stetigen Umdenkprozess hin zu einer Wertegesellschaft, die sich damit auseinandersetzt, welche Empfindungen und Bedürfnisse landwirtschaftliche Tiere haben. Ob es sich hierbei um eine Wohlstandsdebatte handelt, die wir aktuell führen, werden wir in den Interviews mit dem Tierethiker Dr. Christian Dürnberger und dem Agrarökonom Prof. Dr. Achim Spiller klären. Beschäftigen wir uns mit der eingangs gestellten Frage „Was kostet mehr Tierwohl?“. Bevor wir die Antworten geben, müssen wir etwas weiter ausholen und die Hintergründe und unterschiedlichen Perspektiven näher beleuchten.

Der Verbraucherwunsch nach mehr Tierwohl!?

Die Tierhaltung in Deutschland steht seit einigen Jahren massiv in der Kritik. Verschiedenste Umfragen unter Verbraucher:innen belegen, dass die Gesellschaft einen Wandel einfordert. Wie ist es dazu gekommen? Und um welche Forderungen handelt es sich?

Die gesellschaftliche Diskussion

In Deutschland finden wir seit Jahren eine intensive gesellschaftliche Diskussion um den Tierschutz und neuerdings um das Tierwohl (Die Unterschiede werden in unserem Beitrag „Geht Tierwohl in der Massentierhaltung“ erklärt) vor. Die Kritik an der heutigen Tierhaltung flacht nicht ab, sondern wächst stetig an. Die Ursachen dieser teilweise hitzigen und von Emotionen geleiteten Diskussion sind vielfältig und finden ihren Ursprung u.a. in der Entfremdung von Gesellschaft und der fleischproduzierenden Branche. Man kann sogar von einem Vertrauensverlust der Branche sprechen. Die heutigen Konsument:innen haben den Wunsch, dass sie wissen möchten, wie das Tier gelebt hat, bevor es geschlachtet wurde. Konsens herrscht überwiegend darüber, dass der Mensch die (landwirtschaftlichen) Tiere nutzen darf, ihnen aber ein gutes Leben ermöglichen muss. Das Wohlergehen der Tiere sowie eine respektvolle und wertschätzende Behandlung dieser sind die Treiber der Diskussion.

Eine Folge der Industrialisierung und Urbanisierung sowie der mehrheitlich kritischen Berichterstattung ist, dass sich die Gesellschaft immer mehr von der tierischen Produktion distanziert hat. Und dennoch sind tierische Produkte in Form von Schnitzel oder Wurstaufschnitt im Alltag präsent, tendenziell wird es allerdings weniger.  Dies lässt sich in Zahlen wiedergeben: Im aktuellen Ernährungsreport der Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft können wir nachlesen, dass nur noch 26 Prozent der Befragten täglich oder mehrmals täglich Fleisch und Wurst verzehren.
Ein Produkt dieses Wertewandels und der Romantisierung der Landwirtschaft ist, dass naturnahe Haltungsformen in der Gunst der Verbraucher:innen ganz vorne stehen. Die aktuell überwiegende Form der Intensivtierhaltung erhält kaum noch Akzeptanz.
Laut der aktuellen i.m.a. Umfrage aus dem Jahr 2020 sind nur 39 Prozent mit der aktuellen Tierhaltung zufrieden. Der Großteil der Befragten (91 Prozent) spricht sich für eine Änderung der Haltungssysteme aus.
Diverse Umfragen belegen, dass ein Großteil der Verbraucher:innen bereit sind, höhere Kosten für Fleisch aus einer tierwohlgerechteren Haltung zu zahlen.

Citizen-Consumer-Gap

Beschäftigen wir uns mit Umfrageergebnissen, so kommen wir an dem Begriff Citizen-Consumer-Gap oder auch Bürger-Konsumenten-Lücke genannt nicht vorbei. Die Konsumforschung beschreibt mit diesem Ausdruck die Unterschiede zwischen dem Verhalten als Bürger:in auf der einen Seite (z.B. bei Verbraucherumfragen) und dem Handeln als Verbraucher:in im Supermarkt. Konkret: Das Wunschdenken ist nicht mit dem wirklichen Handeln zu vereinbaren.
Aktuelle Umfragen ergeben, dass die deutschen Verbraucher:innen durchaus bereit sind, für tierwohlgerechtere Fleischprodukte höhere Kosten in Kauf zu nehmen. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigte auf, dass knapp 60 Prozent der Befragten bereit sind, mehr für Produkte mit einem höheren Tierwohlstandard (Tierwohllabel) zu zahlen. Daher verwundert es, dass diese Produkte in der Vergangenheit ein Nischendasein gefristet haben. Die Ursachen für dieses unterschiedliche Handeln sind vielfältig und werden hier nicht näher ausgeführt. In einem Realexperiment zur Kaufbereitschaft von tierischen Produkten mit einem höheren Tierwohlstandard konnte die Bürger-Konsumenten-Lücke beispielhaft beobachtet werden. Bestandteil dieser Studie war eine Verbraucherumfrage, ob ein höherer Preis für Tierwohlprodukte gezahlt werden würde und dem anschließenden tatsächlichen Kaufverhalten. Am Ende ließ sich beobachten, dass die Aussage nicht zu 100 Prozent mit dem realen Einkauf übereinstimmte. Verbraucher: innen sind durchaus gewillt höhere Kosten für Tierwohlprodukte in Kauf zu nehmen, wenn sich die Mehrkosten in einem bestimmten finanziellen Rahmen bewegen. Für den Kauf von Schweinefleischprodukten konnte festgehalten werden, dass ein Preisaufschlag zwischen 9 und 13 Prozent durchaus akzeptiert und gekauft wurde. Bei einem Preisaufschlag von bis zu 26 Prozent z.B. für Gulasch sank die Kaufbereitschaft merklich.
Den/Die Verbraucher:in alleine in die Verantwortung bei der Umsetzung zu einer tierwohlgerechteren Tierhaltung zu nehmen, ist zu einfach gedacht. Hintergrund dieses Gedankens ist, dass Verbraucher:innen ihre eigene Verhaltensänderung beim Kauf von Tierwohlprodukten als nicht richtungsweisend ansehen und befürchten, dass sie wenig an der Situation ändern können. Weitere Befürchtungen gehen in die Richtung, dass sie als Gruppe der Verbraucher:innen, die auf eine tierwohlgerechte Haltung achten, alleiniger Zahler der neuen Tierwohlstandards werden könnten. Sie sind bereit ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen, wünschen sich aber, dass vorab der Staat, die fleischverarbeitende Branche und die Landwirte: innen in Vorleistung gehen und die deutsche Tierhaltung tierwohlgerechter zu gestalten.

Was kostet uns mehr Tierwohl in Deutschland?

Im Frühjahr 2020 veröffentlichte die sogenannte Borchert-Kommission ihr Lösungspapier, indem sie genau darstellte, wie der Umbau der deutschen Tierhaltung vonstattengehen kann und wie dieser finanziert werden könnte. 2019 hat das Bundeslandwirtschaftsministerium das “Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung” ins Leben gerufen. Das auch als Borchert-Kommission (benannt nach ihrem Vorsitzenden, dem ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert) bekannte Netzwerk mit Entscheidungsträger:innen und Fachleuten aus Politik, Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft sowie Verbänden, sollte Vorschläge erarbeiten, wie sich das Tierwohlniveau substanziell verbessern lässt und kalkulieren, welche Kosten für einen entsprechenden Umbau der Nutztierhaltung anfallen würden. Die Mehrkosten für ein höheres Tierwohlniveau in den Stallungen liegen bei schätzungsweise knapp 2 Milliarden Euro jährlich in den ersten Jahren und dann bei 4 Milliarden Euro jährlich. Diese Kosten sollen durch Prämien und Investitionsförderung für Betriebe gedeckt werden. Um diese Finanzierung umzusetzen, werden von der Borchert-Kommission drei Finanzierungsmodelle vorgeschlagen:

  • Die sog. “Ergänzungsabgabe“:

Ähnlich dem Solidaritätszuschlag. Dafür würden alle Steuerzahler:innen zur Kasse gebeten werden – auch solche, die sich vegetarisch oder vegan ernähren.

  • Die Erhöhung der Mehrwertsteuer für tierische Produkte von 7 auf 19 Prozent.

Beispiel: Ein  300 g Steak würde statt 5 Euro dann  5,55 Euro kosten. Hier zahlen ausschließlich die Verbraucher:innen von tierischen Produkten.

  • Die sog. “Tierwohlabgabe“. Hier werden pauschal 40 Cent auf das Kilogramm Fleisch raufgerechnet. Das 300 g Steak kostet statt 5 Euro dann 5,12 Euro. Auch hier würden nur diejenigen bezahlen, die tierische Produkte kaufen. Die sogenannte Tierwohlabgabe gilt als bevorzugte Finanzierungsvariante der Borchert-Kommission.

Wie lange muss man für ein Stück Fleisch arbeiten – in dem Land, in dem man lebt und einkauft?

Die Catering-Firma Caterwings hat vor einigen Jahren eine Studie veröffentlicht, in der untersucht wurde, wie lange ein:e Verbraucher:in arbeiten muss, um sich eine Fleischmahlzeit leisten zu können. Hier wurden 50 Länder der Welt einbezogen und ein sogenannter Fleischpreis-Index errechnet. Grundlage dieses Indices war der jeweilige Fleischeinkauf in den einzelnen Ländern. Trotz starker Preisunterschiede und auch unterschiedlicher Mindestlohnniveaus konnte, dank des Indices, ein Vergleich ermöglicht werden. Denn hier wurde als Basis der Preis und der Mindestlohn in den einzelnen Ländern herangezogen. So konnte ermittelt werden, wie viele Stunden ein:e Verbraucher:in arbeiten muss, um sich ein Kilo Fleisch leisten zu können.
Fakt ist, dass Schweinefleisch in Deutschland extrem billig ist: Man muss nur 1,2 Stunden arbeiten, um sich ein Kilo Schweinefleisch leisten zu können, da der Kilopreis trotz eines höheren Durchschnittseinkommens um fast 7 Prozent unter dem weltweiten Durchschnittspreis. Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass unser Nachbarland die Schweiz einen sehr hohen Fleischpreis hat. In Ländern wie Indien müssen die Verbraucher:innen bis zu eine Woche arbeiten gehen, um sich ein Stück Fleisch leisten zu können. Im Vergleich dazu, arbeitet ein:e Norweger:in nur eine Stunde, um ein Fleischgericht konsumieren zu können.

Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einem Verbraucher- und einem Erzeugerpreis?

Beginnen wir mit dem Erzeugerpreis: Dies ist der Betrag, den der/die Landwirt:in für den Verkauf z.B. eines Mastschweines von dem/der Abnehmer:in erhält. Je mehr Vermarktungsstufen zwischen Landwirt:in und Verbraucher:in liegen, desto geringer ist der Anteil des Erzeugerpreises am Verbraucherpreis (die sogenannte Vermarktungsspanne). Die Erzeugerpreise unterliegen meist starken Schwankungen Z.B. Qualitätsaufschlägen und -abschlägen beim Schlachthof oder ein hohes Angebot steht einer geringen Nachfrage gegenüber.
Der Verbraucherpreis ist dem nach der Preis, den der/die Verbraucher:in an der Supermarktkasse für das Produkt zu zahlen hat.

Glori hat einen Experten besucht, der ihr mehr Informationen zum Thema Erzeugerpreis geben kann. Bernd Terhalle ist seit über 35 Jahren in der Schweinebranche. Als Geschäftsführer einer Erzeugergemeinschaft und Mitglied der Vereinigung von Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) ist er maßgeblich an der Preisnotierung für Schlachtschweine beteiligt. Diese gilt als Richtschnur u.a. für Schlachthöfe und andere Unternehmen der Fleischwirtschaft.

Was sagt der Wissenschaftler? 

Das Verhalten und das Handeln von Konsument:innen ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Beantwortung auf die Frage „Wer zahlt für mehr Tierwohl?“. Rede und Antwort steht uns zu diesem Thema Herr Prof. Achim Spiller von der GAU in Göttingen, dessen Studien zu Verbraucher:innenumfragen vielfach zitiert werden. 

Herr Prof. Spiller, welche Kriterien spielen für Verbraucher:innen beim Einkauf von Fleisch eine maßgebliche Rolle?

An erster Stelle Geschmack, dann kommen Themen wie Tierwohl, keine Rückstände, Regionalität, frisch und gesund. Langsam kommt bei einem Teil der Verbraucher:innen auch das Thema Klimaschutz und Fleisch auf.

Warum sind Verbraucher:innen laut Umfragen bereit, mehr für Tierwohl auszugeben, dies spiegelt sich jedoch nicht im Kaufverhalten wider? Welche Zielkonflikte entstehen an der Fleischtheke?

Über Jahrzehnte war das Tierwohl für Verbraucher:innen am Produkt nicht erkennbar. Begriffe wie artgerecht, tierfreundlich usw. können bis heute ungeregelt verwendet werden, so dass die Kunden keine Chance haben, hohle Werbeversprechen von wirklich engagierten Anbietern zu unterscheiden.

Die vorhandenen Label wie das des Deutschen Tierschutzbundes „Für mehr Tierschutz“ waren noch nicht bekannt genug und nur begrenzt im Handel vertreten. Er seit Kurzem gibt es jetzt mit der Haltungskennzeichnung eine flächendeckende Kennzeichnung zumindest für SB-Ware. Was es immer im allerdings sehr eingeschränktem Umfang gab, ist Bio, aber Biofleisch ist für viele Kunden zu teuer mit Preisaufschlägen von 200-300 Prozent.

In unseren Befragungsstudien konnten wir auch klar erkennen, dass viele Verbraucher: innen bei Preisen von über 20 Euro für ein kg Bio-Schweine- oder Geflügelfleisch nicht mehr mitgehen. Da sind relevante Preisschwellen überschritten. Ein weiterer Grund für den Unterschied zwischen Bürgereinstellungen und Verbraucherverhalten, den wir in der Forschung als Consumer-Citizen-Gap bezeichnen, ist, dass die besonders am Tierwohl orientierten Menschen weniger Fleisch essen und umgekehrt. Und schließlich gibt es nicht wenige Menschen, die beim Fleischkauf gar nicht an das Tier denken mögen, also Tod und Schlachtung psychologisch gesehen verdrängen. Es zeigt sich damit, dass ein Teil dieser Bürger-Verbraucher-Lücke durch bessere Kennzeichnung und Strategien aus der Nische verringert werden kann, aber nicht alles. Veganer:innen und Vegetarier:innen, die bei jungen Erwachsenen schon gut 12 Prozent ausmachen, formulieren eben auch Tierschutzforderungen, werden aber am Markt nichts beitragen.
Die Schlussfolgerung daraus ist, dass der Markt alleine das Tierwohlproblem nicht lösen kann. Da hilft auch die bei vielen Landwirt:innen beliebte “Verbraucherschelte“ nichts. Es bedarf übergreifender Instrumente von Politik und Branche.
 

Es wird oft suggeriert, dass der Handel auf Grund des geringen Fleischpreisniveaus „daran schuld ist“, dass die Wertschätzung der Verbraucher:innen gegenüber Fleischprodukten sinkt. Wie sehen Sie das?

In der Tat ist Fleisch eines der klassischen Lockvogelangebote des Handelsmarketings. Die Verbraucher:innen kennen hier die Preise ganz gut, Fleisch ist auch absolut gesehen teuer. Das Produkt eignete sich daher gut, um im Zuge der Mischkalkulation Kunden in die Supermärkte zu locken, die im Wettbewerb mit den Discountern ihre Preisgünstigkeit unter Beweis stellen wollen. Diese klassische Form der Sonderangebotspolitik mit „Schweinebauchanzeigen“ verliert langsam an Bedeutung, weil ein wachsender Teil der Kunden, gerade der mit hohem Einkommen, nicht mehr das Geschäft wechselt, um dort billiges Fleisch kaufen zu können. Unsere Studien zeigen, dass die Kundengruppe mit Qualitätsfokus heute mindestens genauso groß ist wie die der Schnäppchenjäger. Qualitätsmarketing gewinnt daher an Bedeutung im Handel. Aber die langjährige Konditionierung der Verbraucher:innen auf den Preis hinterlässt natürlich immer noch Spuren. Insofern trägt der Handel schon eine Mitschuld an der starken Preisorientierung auf dem Fleischmarkt.

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit ein Mehr an Tierwohl langfristig gegeben ist?

Die Landwirtschaft wird den notwendigen Umstieg auf tierfreundliche und gesellschaftlich akzeptierte Haltungsformen nicht alleine stemmen können. Durch die Bürger-Verbraucher-Lücke funktioniert eine Finanzierung allein über den Markt nicht, auch wenn die Selbstverpflichtungen der Händler ein ganz wichtiger Schritt sind. Der Ball liegt jetzt in erster Linie bei der Politik und bei den Schlachtunternehmen. Eine neue Bundesregierung sollte an dem politisch breit getragenen Vorschlag der Borchert-Kommission ansetzen und diesen endlich auf den Weg bringen, damit die staatliche Finanzierung, aber auch die Tierschutzkennzeichnungsfrage geklärt sind. Und die Schlachtunternehmen müssen jetzt langfristige Verträge mit verlässlichen Preismodellen anbieten, damit die Landwirtschaft investieren kann.  

Wie kann ich als Verbraucher:in zu mehr Tierwohl beitragen?

Fleisch und Wurst aus möglichst hohen Tierwohlstufen kaufen: 3 oder noch besser 4. Diese Produkte auch in der Gastronomie, in der Kantine und bei Wurst nachfragen. Wenn nicht vorhanden, vielleicht einmal eine E-Mail an die Händler oder Hersteller schreiben, das wirkt auch gut. 

Wie kann Tierwohl zukünftig finanziert werden? Welches Modell erachten Sie als sinnvoll?

Es ist eine der spannendsten und schwierigsten Fragen, welcher Anteil der Finanzierung über den Markt und welcher über staatliche Zuschüsse erfolgen soll. Die Borchert-Kommission schlägt eine komplette Finanzierung aller Tierwohlmehrkosten über langfristige Verträge zwischen Staat und Landwirtschaft vor. Ich denke nach wie vor und trotz der Selbstverpflichtungen von Aldi & Co., dass staatlich garantierte Zahlungen und Investitionshilfen zentral sind. Vielleicht kann man dann im Laufe der Zeit den Handel und die Verbraucher: innen mehr in die Finanzierung einbinden. Letztlich bezahlt es der Verbraucher natürlich immer: Im Vorschlag der Borchert-Kommission über Steuern/Abgaben, sonst über den Mehrpreis an der Ladentheke. Da aber Frischfleisch nur ein Drittel des Marktes ausmacht und es schwieriger ist, Verarbeitungsware und den Außer-Haus-Markt einzubinden, muss der Staat eine wichtige Rolle spielen.

Die Ankündigung von Aldi Nord und Aldi Süd ab dem Jahre 2030 nur noch Frischfleisch der Haltungsformen 3 und 4 zu listen, ist medial intensiv thematisiert worden. Welchen Einfluss hat diese Entscheidung auf die Lösungsansätze der Borchert-Kommission? Sind diese nun überholt und es wird zu einer rein marktlichen Lösung kommen?

Eine rein marktliche Lösung ist angesichts der Größe der Umstellung wahrscheinlich eine Überforderung. Die Verunsicherung in der Landwirtschaft ist derzeit riesengroß. Wo geht der Markt hin? Wie viele Menschen werden sich zukünftig vegetarisch ernähren? Wie werden sich die pflanzlichen Ersatzprodukte und in-vitro-Meat entwickeln? Darauf hat niemand heute verlässliche Antworten. Aber die Landwirt: innen sollen investieren bei 25 Jahren Abschreibezeitraum. Eine solche große Transformation können Unternehmen wie VW oder RWE stemmen mit ihren Milliardengewinnen. Zu erwarten, dass dies zehntausende landwirtschaftliche Familienbetriebe auch so einfach riskieren werden, ist wenig realistisch. Die Politik wird eine tragende Rolle in dieser Transformationsphase spielen müssen, um Verlässlichkeit zu geben.

Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich für die Ausrichtung von Wirtschaft und Politik?

Die neue Bundesregierung steht vor großen Herausforderungen. Die Zukunftskommission (ZKL) hat aber mit ihren einstimmigen Empfehlungen einen wichtigen Plan vorgelegt, um aus den bisherigen Grabenkämpfen herauszukommen. Ich würde mir wünschen, dass sich der nächste Koalitionsvertrag dieser Blaupause annimmt. Borchert-Kommission und ZKL empfehlen beide, dass letztlich mehr Geld in den Sektor kommen muss. Die ZKL spricht deshalb im Titel auch von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Nicht alle in der Landwirtschaft sind aber bisher davon überzeugt. Es gibt noch viel Misstrauen, ob diese Transformation gelingen kann. Umso wichtiger sind klare politische Ausrichtungen. 

Eine abschließende Frage der allgemeineren Art: Ist die gesellschaftliche Diskussion um mehr Tierwohl eine Wohlstandsdiskussion?

Klar, im positiven Sinne. Wir sind wohlhabend genug, uns nicht nur um soziale Fairness unter Menschen, sondern auch um das Wohl der Tiere kümmern zu können. Durch die zunehmende Verbreitung von Haustieren, aber auch durch die neuen Erkenntnisse zu den kognitiven, emotionalen Fähigkeiten von Tieren verändert sich das Mensch-Tier-Verhältnis in der Gesellschaft langsam, aber grundlegend. Wir haben in unseren Studien festgestellt, dass 85 % der Menschen die Nutzung von Tieren mitträgt, aber eine Art indirekten Vertrag mit dem Tier zugrunde legen will: „Wir dürfen dich essen, aber du musst vorher auch etwas vom Leben gehabt haben.“ Daher der Wunsch nach der glücklichen Kuh. Das ist doch letztlich auch gut für die Landwirtschaft, denn Landwirt:innen haben auch mehr Spaß an ihrer Arbeit, wenn es den Tieren gut geht. Wir müssen über Politik und Marketing dafür sorgen, dass diese Wünsche sich auch in Preisen und Zahlungsbereitschaften für Tierschutzabgaben niederschlagen.   

Wie sieht es am Ende der Wertschöpfungskette eigentlich aus? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, haben wir Herrn Dr. Clemens Dirscherl, Fachexperte für landwirtschaftliche Prozesse und Nachhaltigkeit bei der Kaufland Dienstleistung GmbH & Co. KG aus Neckarsulm gefragt.

Herr Dr. Dirscherl, welche Kriterien spielen für Verbraucher:innen beim Einkauf von Fleisch eine maßgebliche Rolle?

Beim Thema Fleisch hat die Produktqualität, also die Frische und der Geschmack, ganz klar Priorität. Gleichzeitig achten viele Verbraucher auf den Preis. Sie möchten aber auch zunehmend wissen, unter welchen Bedingungen das Lebensmittel entstand, wie die Tiere gehalten wurden. Sie fragen nach dem Tierwohl und interessieren sich dafür, wieviel Platz den Tieren im Stall zur Verfügung steht und welches Umfeld sie haben, um ein artgerechteres Verhalten als in konventionellen Ställen zu ermöglichen.

Bei Schweinen ist zum Beispiel Stroh ein besonders vielfältiges Beschäftigungs- oder Wühlmaterial, das formbar ist, piekst und knistert, also Reizimpulse sendet. Zudem ist es als faserreiches Raufutter gut für den Magen-Darm-Trakt der Tiere. Wichtig ist natürlich auch der mögliche Kontakt zu frischer Luft durch weite Offenfronten des Stallgebäudes oder durch Auslauf nach draußen.

Warum sind Verbraucher:innen laut Umfragen bereit, mehr für Tierwohl auszugeben, dies spiegelt sich jedoch nicht im Kaufverhalten wider? Welche Zielkonflikte entstehen an der Fleischtheke?

In den vergangenen Jahren hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung zum Thema Ernährung geändert. Es geht zunehmend um Gesundheits- und Genusswerte und Tierwohlaspekte. Die Nachfrage nach Fleisch mit entsprechenden Tierwohlstandards steigt kontinuierlich an. Daraus ergeben sich die hohen Zustimmungswerte zur Zahlungsbereitschaft bei Tierwohl als Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsens. Andererseits wissen wir alle aus eigener Lebenserfahrung auch um die alltägliche Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das ist auch beim Einkauf so, man verhält sich nicht immer so konsequent wie eigentlich gewollt. Hinzu kommt, dass preisgünstigere Produkte ebenfalls eine sehr gute Produktqualität haben. An unseren Frischetheken nehmen wir unseren Kunden die Wahl ab, denn hier verkaufen wir ausschließlich Fleisch von Schwein, Pute und Hähnchen aus der Haltungsform Stufe 3 Außenklima. Zusätzlich führen wir seit Kurzem unter unserer Eigenmarke K-Classic ausgewählte Wurstprodukte ebenfalls aus Haltungsform 3.

Wie äußern sich Einkaufsverhalten und Preisbereitschaft der Verbraucher:innen hin zu Tierwohlfleischprodukten?

Das Interesse und die Nachfrage nach den entsprechenden Produkten nehmen zu. Das konnten wir auch bei den Agrar- und Verbrauchermessen feststellen, wo wir erstmals mit unserem Wertschätze-Programm an die Öffentlichkeit gegangen sind. Ebenso wächst die Resonanz in unseren Filialen kontinuierlich, sowohl an unseren Frischetheken als auch im SB-Bereich. Daher haben wir unsere Sortimentsgestaltung bei Tierwohl im SB-Bereich ausgebaut und erweitert. Uns ist es wichtig, unseren Kunden diese Produkte nahezubringen, damit der Kauf für sie zukünftig zu einer Selbstverständlichkeit wird.


Wie kann ich als Verbraucher:in zu mehr Tierwohl beitragen?

Durch die transparente Kennzeichnung der Produkte haben es Verbraucher ganz leicht, sich für mehr Tierwohl zu entscheiden. Bei Fleisch- und Geflügelprodukten können sie sich bereits seit Längerem gut an der Kennzeichnung der vier Stufen der Haltungsformen orientieren. Unseren Kunden machen wir es besonders einfach, da wir seit Juli frisches Schweinefleisch ausschließlich aus der Haltungsform Stufe 2 anbieten sowie rund 30 Wurstprodukte aus der Stufe 2. Zudem haben wir bundesweit Schweinefleisch sowie Wurstwaren aus Haltungsform Stufe 3 Außenklima im Sortiment. Unter unserer neuen Eigenmarke K-Wertschätze vereinen wir neben Fleisch- auch Milch-, Joghurt- und Käseprodukte, die nach anerkannten Tierwohlstandards und -programmen zertifiziert sind.


Inwiefern tragen Sie als Handelsvertreter zu mehr Tierwohl bei?

Seit ihrer Gründung unterstützen wir die Initiative Tierwohl (ITW). Hier fördern Verantwortliche entlang der gesamten Wertschöpfungskette das Tierwohl in der Nutztierhaltung. Wir stehen für faire und langfristige Partnerschaften mit unseren Lieferanten und Vertragslandwirten. Für eine nachhaltige Verbesserung des Tierwohls ist es unerlässlich, dass möglichst viele Verbraucher das vierstufige System der Haltungsformen kennen und die so gekennzeichneten Produkte kaufen. Als Lebensmittelhändler ist es daher unsere Aufgabe, diese Produkte anzubieten, die Kunden hierüber zu informieren und sie so für den Kauf von Lebensmitteln aus verantwortungsvollerer Tierhaltung zu sensibilisieren.

Wie kann Tierwohl zukünftig finanziert werden? Welches Modell erachten Sie als sinnvoll?

Die ITW ist derzeit das beste System, um die Haltungsbedingungen möglichst vieler Tiere zu verbessern. Hier übernehmen Unternehmen aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel gemeinsam Verantwortung für Tierhaltung, Tiergesundheit und Tierschutz. Finanziell getragen wird dieses System durch die Fleischwirtschaft und den Lebensmittelhandel. Die ITW unterstützt teilnehmende Landwirte dabei, definierte Maßnahmen, die über die gesetzlichen Standards hinausgehen, zum Wohle ihrer Nutztiere umzusetzen.

Es wird oft suggeriert, dass der Handel auf Grund des geringen Fleischpreisniveaus daran schuld sei, dass die Wertschätzung der Verbraucher:innen gegenüber Fleischprodukten sinkt. Wie sehen Sie dies?

Viele Verbraucher legen großen Wert auf die Nachhaltigkeit der Produkte. Dabei achten sie, neben der Regionalität und Bio-Qualität, insbesondere auf eine verantwortungsvollere Tierhaltung. Gleichzeitig sind viele Verbraucher sehr preisbewusst. Eine nachhaltige und langfristige Veränderung des Verbraucherverhaltens braucht zudem Zeit. Uns ist es wichtig, alle Verbraucher auf diese Produkte aufmerksam zu machen und ihnen den Kauf von guten, gesunden und nachhaltigen Produkten zu ermöglichen. Dass unsere neue Tierwohlmarke K-Wertschätze heißt, zeigt unsere Haltung und ist eine klare Botschaft: Wertschätzung gegenüber allen Beteiligten im Prozess, insbesondere gegenüber den Landwirten, deren Tieren sowie dem Fleisch.

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit ein Mehr an Tierwohl langfristig gegeben ist?

Kaufland steht bereit, die entsprechenden Angebote auszuweiten und zu verbreitern. Eine nachhaltige Verbesserung des Tierwohls kann jedoch nur gemeinsam gelingen, hierzu brauchen wir eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Dafür machen wir uns, im Rahmen unseres Engagements in der ITW sowie in den direkten Beziehungen zu unseren Vertragslandwirten, stark. Viele Landwirte signalisieren uns ihr Interesse mitzumachen und die Bereitschaft, neue Tierwohlställe zu bauen. Selbstverständlich honorieren wir ihren Mehraufwand, den sie durch die Umstellung in der Tierhaltung haben. Hürden bei der Umsetzung sind jedoch oft Genehmigungsverfahren des Baurechts und des Immissionsschutzes. Viele Landwirte sind bereit, die Haltungsbedingungen ihrer Tiere zu verändern und eine moderne zukunftsgerichtete Tierhaltung umzusetzen, daher bedarf es dringend Anpassungen der bisherigen Vorgaben an die neuen, auch politisch gewollten Tierhaltungsformen, insbesondere mit Außenklima bzw. Auslauf.

Diskutieren wir über Tierwohl, wird in diesem Zusammenhang auch immer der ethische Blickwinkel angesprochen. Die Werteverschiebung in der gesellschaftlichen Diskussion in den letzten Jahren verdeutlicht es, dass wir in der heutigen Tierhaltung nicht mehr ohne die Ansprüche der Tierethik handeln können. Aus diesem Grund möchten wir Herrn Dr. Christian Dürnberger vom österreichischen Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien zu Wort kommen lassen.

Herr Dr. Dürnberger, wenn wir uns mit dem Thema Tierwohl beschäftigen, kommen wir nicht an dem Begriff der Wertschätzung vorbei. Was verstehen Sie unter Werten und Wertschätzung?

Bei Werten geht es um Fragen wie: Was ist uns wichtig im Leben? Was halten wir für erstrebenswert? Und natürlich auch: Welche Wertschätzung schulden wir Mitmenschen, anderen Wesen und auch Dingen?
Tierwohl ist hierfür ein anschauliches Beispiel: Dürfen wir mit Tieren alles machen, was wir wollen? Mit Sicherheit nicht. Welchen Umgang schulden wir aber Tieren? Welche Werte sollen unseren Umgang mit ihnen leiten? Über diese Fragen wird seit jüngster Vergangenheit mit neuer Vehemenz diskutiert.

Inwiefern hat sich das Wertesystem der Gesellschaft in den letzten Jahren verändert?

Die allermeisten Menschen kennen Hunger nur noch aus Märchen. Insofern können wir ganz anders über unsere Lebensmittelproduktion nachdenken und diskutieren als Generationen vor uns – und genau das ist auch der Fall. Die gesellschaftlichen Erwartungen erschöpfen sich nicht mehr in „leistbare und genug Lebensmittel“, sondern es geht nun auch um Umwelt- Klima- und Tierschutz. Das sind die drei zentralen Wertvorstellungen, deren Bedeutsamkeit – zumindest in den Debatten – enorm zugenommen hat. Natürlich muss man hierbei sogleich ergänzen, dass wir Menschen dazu tendieren, diese Dinge zwar einzufordern – aber nur bedingt dazu bereit sind, dafür auch mehr Geld auszugeben.

Ist die Tierwohl-Diskussion eine Wohlstandsdiskussion? Und wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Ja und nein. Ja, denn es braucht einen gewissen Wohlstand, um uns beispielsweise über Tierwohl Gedanken machen zu können. Würde eine Hungersnot nach der anderen unseren Kontinent bedrohen, hätten wir andere und dringendere Fragen zu diskutieren als jene, wie viel Quadratmeter ein Schwein zur Verfügung hat. Nun leben wir jedoch nicht in einer Mangel- sondern in einer Überflussgesellschaft. Und in einer solchen können wir uns nicht nur Gedanken rund um Klima, Umwelt und Tiere machen – wir müssen es sogar. Daher ist die Tierwohl-Diskussion alles andere als eine „dekadente“ oder „überflüssige“ Debatte. Sie ist vielmehr eine notwendige. Das bedeutet aber auch, dass wir sie nicht einfach auf die Bauern und Bäuerinnen abwälzen können. Das Thema geht die gesamte Gesellschaft an.

Sie sprechen in Ihren Büchern von einer gesellschaftlichen Entfremdung zwischen Gesellschaft und landwirtschaftlicher Branche. Was verstehen Sie darunter?

Immer weniger Menschen haben einen Bezug zur Landwirtschaft, beispielsweise haben immer weniger einen Landwirt, eine Landwirtin in ihrer Familie oder kommen mit landwirtschaftlicher Praxis unmittelbar in Kontakt. Man könnte hierbei auch davon sprechen, dass die Landwirtschaft „unsichtbar“ geworden ist. Im Besondern die Nutztierhaltung findet immer stärker abgeschottet statt. Man denke an einen Schweinestall, der für Außenstehende hermetisch abgeriegelt erscheint. Dafür gibt es gute (hygienische) Gründe, zugleich aber wirkt eine derartige Produktion wie eine „Black-Box“ – und eine solche kann mitunter Angst machen oder Skepsis erregen: Was passiert da hinter den Kulissen?

Inwieweit hat sich diese Entfremdung auf die Diskussionsinhalte in den Medien und öffentlichen Meinungen ausgewirkt?

All dies hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung: Weniger Bezug bedeutet in der Regel nämlich nicht nur weniger Wissen. Das, was wir regelmäßig vor Augen haben, halten wir auch für normal, erscheint uns selbstverständlich; das, was wir selten oder gar nicht sehen, hingegen nicht. Dies führt gegenwärtig zur eigentümlichen Situation, in der die Produkte aus der Landwirtschaft uns stets vor Augen sind, die konkrete Produktion dieser Nahrungsmittel jedoch nicht. Umso wichtiger ist es, dass Landwirtinnen und Landwirte in einen unmittelbaren Kontakt mit Verbraucherinnen und Verbraucher kommen. Wie eine solche bessere Agrarkommunikation gelingen kann? Dazu habe ich in meinem Buch „Ethik für die Landwirtschaft“ in einem eigenen Kapitel 10 Thesen aufgestellt. Unter anderem geht es um die Frage, wie Vertrauen gebildet wird.

Warum sind Verbraucher:innen laut Umfragen bereit, mehr für Tierwohl auszugeben, dies spiegelt sich jedoch nicht im Kaufverhalten wider? Welche Zielkonflikte entstehen an der Fleischtheke?

In den Sozialwissenschaften spricht man in diesem Kontext von „sozial erwünschten Antworten“. Das bedeutet: Wenn wir heute Bürgerinnen und Bürger danach fragen, inwieweit ihnen Klimaschutz oder Tierwohl wichtig sind, dann wissen die allermeisten, was sie antworten sollen, um als „guter, reflektierter Mensch“ zu erscheinen. Und da wir alle danach trachten, dass andere weitgehend gut über uns denken und in uns einen mündigen, verantwortungsbewussten Bürger sehen, fallen die Antworten entsprechend aus. Als Resultat haben Verbraucherantworten und Verbraucherverhalten oftmals wenig miteinander zu tun. Erschwerend kommt hinzu, dass neben dem teuren Produkt, das „mehr Tierwohl“ verspricht, meist ein weit günstigeres Produkt liegt, das geschmacklich aber ebenso überzeugen kann. Wichtig ist, dass wir hierbei nicht mit dem moralischen Finger allzu schnell auf andere zeigen, sondern unser eigenes Tun reflektieren: Handeln wir immer nach den Werten, die wir wichtig finden? Tun wir immer das, was wir behaupten zu tun?

Welchen moralischen Umgang schulden wir einem Tier?

Grundsätzlich lassen sich zwei „Extrempositionen“ denken:
(1) Man kann behaupten, dass Tiere überhaupt keinen moralischen Eigenwert besitzen, dass sie also nur als Eigentum moralisch bedeutsam sind. In dieser Perspektive sind Tiere bloße Gegenstände: Gehört ein Tier mir, kann ich mit ihm quasi machen, was immer ich möchte.
(2) Auf der anderen Seite lässt sich behaupten, dass Tiere – wegen bestimmter Fähigkeiten und Bedürfnisse – einen derart hohen moralischen Stellenwert besitzen, dass jegliche Tierhaltung im Grunde falsch ist. In dieser Perspektive wird Tieren ein personen-ähnlicher Status zugesprochen: Wie man keinen Menschen halten und töten darf, verbietet sich das auch bei Tieren. Wichtig ist hierbei: Wer die eine Position ablehnt, vertritt nicht automatisch die andere. Zwischen (1) und (2) bleibt nämlich reichlich Raum für differenzierende Fragen: Wenn wir in Tieren mehr als bloß Gegenstände erkennen, aber doch weniger als Personen – welche ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse müssen wir moralisch berücksichtigen? Verschiedene Antworten sind denkbar. Eine lautet: „Tiere sind leidensfähige Kreaturen, daher haben wir die Pflicht, ihnen Leid zu ersparen.“ Eine andere kann lauten: „Tiere haben ein natürliches Verhaltensrepertoire. Wir sollten ihnen ermöglichen, dieses auch unter menschlicher Obhut so gut es auszuleben.“

Was ist ein gutes Leben für ein Tier?

Ein berühmtes Beispiel, wie bereits vor vielen Jahrzehnten ein gutes Leben eines Tiers beschrieben worden ist, findet sich in den sogenannten „Fünf Freiheiten“, entwickelt vom Farm Animal Welfare Council. Ein Tier soll demnach
(1) frei sein von Hunger, Durst und Fehlernährung; es soll Zugang zu frischem Wasser und gesundem und gehaltvollem Futter haben;
(2) frei sein von Unbehagen; es soll eine geeignete Unterbringung (z.B. einen Unterstand auf der Weide), adäquate Liegeflächen etc. haben;
(3) frei sein von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten; es soll durch vorbeugende Maßnahmen bzw. schnelle Diagnose und Behandlung versorgt werden;
(4) frei sein von Angst und Stress;
(5) und schließlich soll das Tier die weitgehende Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster haben; z.B. durch ausreichendes Platzangebot, durch Gruppenhaltung, die „soziales Leben“ ermöglicht, etc.
Wichtig hierbei ist: Diese „Freiheiten“ nennen Zieldimensionen. Wo Ziele genannt werden, dort kommt es in aller Regel zu Zielkonflikten. Um hierfür ein Beispiel zu bringen: Ein Wildtier, das im Wald lebt, hat absolute Freiheit, wenn es darum geht, sein Verhalten auszuleben. Ist es jedoch krank, kommt keine Tierärztin. Bei einem Tier im Stall ist es umgekehrt. Und um noch einen weiteren Gedanken zu ergänzen: Tierwohl-Konzepte blicken meist auf das gesamte Leben eines Tiers, sprich, es geht nicht so sehr um eine punktuelle Bestandsaufnahme. Nur weil ein Wesen – denken wir hierbei auch an uns Menschen – mal kurz Schmerzen hat, würden wir nicht gleich behaupten, dass es ein schlechtes Leben führt.

Was verstehen Sie unter einer vertrauenswürdigen Kommunikation?

Überall wo „mehr Kommunikation“ gefordert wird, geht es in Wahrheit um Vertrauen. Denn Kommunikation ist nur sinnvoll, wenn der Rezipient dem Kommunikator Vertrauen entgegenbringt. Hierbei mache ich im Buch unter anderem zwei Gedanken stark:
(1) Wenn es um Werte und Vertrauen geht, braucht es die persönliche Begegnung. Das heißt: Der einzelne Landwirt, die einzelne Landwirtin ist gefordert, selbst stärker kommunikativ zu werden.
(2) Konsumentinnen und Konsumenten haben von der konkreten landwirtschaftlichen Arbeit meist wenig Ahnung. Nicht nur, weil sie wenig Wissen und wenig Bezug aufweisen, sondern auch, weil die diesbezüglichen Fragen komplex sind. Wer wenig Ahnung hat, der muss… vertrauen. Daher diskutiere ich in meinem Buch auch die Frage, wie Vertrauen entsteht. Ein entscheidender Gedanke hierbei ist: Wer will, dass einem vertraut wird, der muss auch über seine Probleme reden. Wo sind Schwierigkeiten? Was läuft nicht gut? Was würde man gerne besser machen? Wenig erhöht die Glaubwürdigkeit mehr als das.

Christian Dürnberger, Doktor der Philosophie, arbeitet als Universitätsassistent am Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Medizinischen Universität Wien und Universität Wien. Darüber ist hinaus lehrt er Campus Francisco Josephinum Wieselburg.

Sein Buch „Ethik für die Landwirtschaft“ richtet sich an Bäuerinnen und Bauern und greift in zwölf leicht verständlichen Kapiteln zentrale Fragen der Gegenwart auf: Von Tierwohl über Gentechnik bis hin zu einer besseren Kommunikation mit der Gesellschaft. Es ist über Amazon, im DLV-Shop sowie beim Autor selbst (Kontakt via www.christianduernberger.at) erhältlich.

Quellen:
Albersmeier, F., Spiller, A. (2009); Die Reputation der Fleischwirtschaft in der Gesellschaft: Eine Kausalanalyse; Vortrag 49. GEWISOLA.
BMEL Ernährungsreport (2020).
Busch, G., Spiller, A. (2020); Warum wir eine Tierschutzsteuer brauchen – Die Bürger-Konsumenten-Lücke; Positionspapier; Diskussionspapiere der GAU Göttingen; Diskussionsbeitrag 2001.
Dürnberger, C. (2020); Ethik für die Landwirtschaft: Das philosophische Bauernjahr; ISBN-13 979-8637671571.
Empfehlungen des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Nutztiere/200211-empfehlung-kompetenznetzwerk-nutztierhaltung.pdf?__blob=publicationFile&v=3;https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Nutztiere/200211-empfehlung-kompetenznetzwerk-nutztierhaltung.pdf?__blob=publicationFile&v=3; Stand: 20.08.2021
Enneking, U. (2019); Kaufbereitschaft bei verpackten Schweinefleischprodukten im Lebensmitteleinzelhandel ? Realexperiment und Kassenzonen-Befragung; 2019.
i.m.a  information.medien.agrar. e.V.; 2020.
ISN: https://www.schweine.net/news/fleischpreis-index-was-kostet-fleisch-weltweit.html?highlight=caterwings;https://www.schweine.net/news/fleischpreis-index-was-kostet-fleisch-weltweit.html?highlight=caterwings; Stand: 27.09.2021
Sonntag, W., Ermann, M., Spiller, A., von Meyer-Höfer, M. (2020); Im Streit um die Nutztierhaltung: Gesellschaftsorientierte Kommunikationsstrategien für die Agrar- und Ernährungswirtschaft;  GJAE 70 (1): 1-16.
Spiller, A., von Meyer-Höfer, M., Sonntag, W.  (2016); Gibt es eine Zukunft für die moderne konventionelle Tierhaltung in Nordwesteuropa?; Diskussionspapiere der GAU Göttingen; Diskussionsbeitrag 1608.
Zühlsdorf, A., Kühl, S., Gauly, S., Spiller, A. (2018); Wie wichtig ist Verbrauchern das Thema Tierschutz? Präferenzen, Verantwortlichkeiten, Handlungskompetenzen und Politikoptionen. Kommentiertes Chartbook zur Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes e.V. (vzbv).