Tierwohl & Schlachtung

If we lose respect for the animals, we lose respect for ourselves, Temple Grandin, 2008

Tierwohl und Schlachtung – wie das?

Die beiden Begriffe Tierwohl und Schlachtung könnten für manche unter uns sicherlich nicht unterschiedlicher sein und lassen sich auch nicht miteinander vereinbaren. Wir von LAND.SCHAFFT.WERTE. zeigen mit unserer Kampagne, was es damit auf sich hat. Inwieweit müssen die Mitarbeiter*innen eines Schlachtunternehmens sich an die geltenden Tierschutzstandards halten und das Wohl der Tiere immer im Auge behalten? Nach welchen Regeln und Gesetzen müssen die Unternehmen agieren? Wie wird Sorge dafür getragen, dass das Tierwohl bis zur Betäubung und Tötung nicht außer Acht gelassen wird?

Temple Grandin – die amerikanische Kuhversteherin

Beschäftigt man sich mit dem Thema Schlachtunternehmen und Tierwohl/Tierschutz geht kein Weg an der amerikanischen Tierwissenschaftlerin Temple Grandin vorbei. Wer ist diese Frau, die mit Bildern denkt und die Lebendbereiche der Schlachtunternehmen revolutionierte? Wir schauen uns Temple Grandin und ihre Idee der Grandins Verhaltensmethodik (Grandins Livestock Systems) genauer an. Seit über 40 Jahren hat sie ihr Leben den landwirtschaftlichen Tieren und ihren Verhaltensmustern gewidmet. Mit ihrer einzigartigen Beobachtungsgabe hat sie den Umgang – besonders – mit Rindern komplett neu gedacht. Temple Grandin ist Autistin und sie beobachtet ihre Umwelt ganz genau – bewusster. Sie denkt in Bildern und versetzt sich so in die Lage von Rindern. Ihr eingehender Appell „Ihr müsst in Bildern denken! Nur so könnt ihr die Tiere verstehen.“ ist der zentrale Punkt in ihren Vorträgen und Vorlesungen. Im Zentrum ihrer Forschungen und Entwicklungen stehen immer das Wohl des Tieres und das Tierverhalten.

Was haben Fanggitter für Rinder und Grandins Umarmungsbox gemeinsam?

Selbstversuche sind für Temple Grandin häufig Mittel zum Zweck. Die Konstruktion ihrer Umarmungsbox ist das populärste Beispiel. Mittels einer selbstkonstruierten Umarmungsbox beruhigte sie sich bei Reizüberflutungen. Vorbild war ein Rinder-Fanggitter, dessen enge Seitenteile – so ihre Beobachtung – einen beruhigenden Druckeffekt auf die Rinder ausübte. Dies war eine der ersten Entdeckungen, die Grandin in die Entwicklung von Fangeinrichtungen, Treibevorrichtungen und – gängen einbrachte. Rinder beruhigen sich sofort, wenn sie Druck von beiden Seiten erfahren – ähnlich dem Wickeln eines Kindes oder der entspannenden Wirkung einer Massage.

Die Fluchtzone – ab nach vorne!

Rinder haben ein ausgeprägtes Fluchtverhalten. Die sogenannte Fluchtzone ist von Tier zu Tier sehr unterschiedlich. Hiermit gemeint ist der Mindestabstand, den ein Rind z.B. zum Menschen benötigt, ohne vor diesem zu fliehen. Kennen Rinder den Umgang mit Menschen, haben sie einen niedrigen Fluchtreflex. Im Gegensatz dazu, verhalten sich Tiere, die kaum Menschkontakt oder schlechte Erfahrungen hatten. Der Drang nach vorne ist bei allen Tieren aber gleich – nur die Geschwindigkeit macht den entscheidenden Unterschied. Fest steht, dass sich gestresste oder ängstliche Tiere schlecht handhaben lassen und eine ruhige Atmosphäre daher von besonderer Wichtigkeit ist.

Die Tiere sind aufmerksam aber ruhig.

Ankunft am Schlachthof

Das behutsame Abladen der Tiere muss möglichst zeitnah nach der Ankunft des Transporters erfolgen. Im Vordergrund steht, dass den Tieren keine unnötige Belastung zugemutet wird und Unruhe oder Auseinandersetzungen vermieden werden.
Sollten sich Missstände beim Transport ereignet haben, werden diese direkt mit den Vorort befindlichen Veterinär*innen und dem*r betriebsangehörigen Tierschutzbeautragten erfasst und weiterverfolgt. Unter Beobachtung dieser beiden Personen verlassen die Tiere selbständig und ruhig den Transporter. Treibhilfen dürfen nur behutsam und zum Leiten der Tiere zum Einsatz kommen. Sollten Tiere nicht eigenständig den LKW verlassen können, werden sie an Ort und Stelle untersucht. Sind schwerwiegende Läsionen am Tier erkennbar, wird dieses von der Gruppe separiert und in einer eigenen Bucht untergebracht und ggf. umgehend getötet/geschlachtet.

Einblicke in den Wartebereich eines Schlachtbetriebs

Im Wartestell eines Schlachtbetriebes haben die Tiere Gelegenheit sich vom Transport zu erholen und zur Ruhe zu kommen. Alle Tiere können jederzeit Wasser zu sich nehmen und ggf. auch bei einem längeren Aufenthalt mit Futter versorgt werden. Das Personal ist geschult und angehalten verantwortungsvoll zu arbeiten.
Nach den Beobachtungen von Temple Grandin konzipierten viele Schlachtunternehmen in Deutschland ihren Wartestall. Woran lässt sich dies erkennen?
Um eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, sind die Buchtenwände sehr hoch. Tiere aus verschiedenen Herkünften haben keine Möglichkeit sich zu sehen, so dass keine Aufregung oder Stress entstehen kann. Rinder fühlen sich in ihrem eigenen Verbund am wohlsten und das ist die Gruppe, mit der sie gemeinsam angekommen sind. Ein Vermischen von fremden Tieren ist daher nicht ratsam und kann zu Rangeleien und Verletzungen führen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Gruppengröße relativ klein bleibt. Rinder orientieren sich zum einen immer an ihrem Leittier, so dass sie dadurch beruhigt sind. Zum anderen können sie in kleinen Gruppen ihre Komfortzone incl. der Fluchtzone besser einhalten. Das Gehör eines Rindes ist sehr sensibel und das Ohrenspiel deutet immer an, wo die Unruhequelle sich befindet, die für Irritation sorgt. Laute Schreie und Rufe sind zu vermeiden, während leise Musik eher beruhigend wirkt.
Stress vor der Schlachtung ist nicht nur für das Tier selbst negativ. Auch hat dieser einen negativen Effekt auf die Fleischqualität. Beim Rind sprechen wir hier vom sogenannten DFD-Fleisch – dark (dunkel), firm (fest) und dry (fest). Es ist nur für die Verarbeitung einiger weniger Produkte wie z.B. Brühwurst zu verwenden und daher nicht erwünscht.

Im Wartestall bleiben die Rinder in kleinen Gruppen und können sich vom Transport erholen.

Tierschutzbeauftragte Marielena zeigt Gloria, wo die Tiere nach dem Abladen warten.

Das Roundpen-Prinzip: Warum schneckenförmige Wege?

Das Roundpen-Prinzip entwickelte Temple Grandin mit Hilfe ihrer Beobachtungen von Rindern und ihrem ihr eigenen Denkmuster.
Rinder fühlen sich wohl, wenn sie das Gefühl haben, dass sie dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind. Dies führt zu einem ruhigen Tierverhalten und es entspricht auch dem natürlichen Kreisverhalten von Rindern. Aus diesem Grund sind die Treibgänge zur Betäubung in einem Schlachtbetrieb schneckenförmig angeordnet. Die sich eigenständig fortbewegenden Rinder sehen, außer ihrem „Vordermann“, keine Bewegung und folgen diesem. Grandin beobachtete, dass Rinder eher aus dunklen in hellere Bereiche laufen. Dies hat einen Einfluss auf die Beleuchtung im gesamten Lebendbereich. Korrekt angebrachte Lichtquellen können als Leitsystem für die Tiere genutzt werden. Schatten und unkoordinierte Bewegungen des Personals führen zu einer panischen Reaktion und sind zu vermeiden. Wichtig beim Zutrieb in die Betäubung ist das Verhalten des Personals. Beachten diese den sogenannten Gleichgewichtspunkt (Point of Balance) der Rinder, bewegen sich die Tiere ohne menschliches Zutun von allein vorwärts. Der Gleichgewichtspunkt befindet sich an der Schulter des Rindes und wird durch das Sichtfeld (Weitwinkelsehen) bestimmt. Bewegen sich die Mitarbeit hinter der Rinderschulter, können sie eine Vorwärtsbewegung hervorrufen.
Temple Grandin ist überzeugt, dass Tiere nicht wissen, dass sie sterben müssen. Die Unruhe, die bei einigen Tieren zu beobachten ist, hat ganz andere Ursachen wie Lärm, reflektierende Stellen, rutschige Stellen oder Kontakt zu fremden Tieren.

Die Rinder laufen einen schneckenförmigen Treibgang entlang. Dieser ist nach dem natürlichen Kreisverhalten der Tiere konstruiert.

Gloria und Marielena stehen vor der Betäubungsbox, in der die Tiere mit einem Bolzenschussgerät später betäubt werden.

Die Betäubung des Rindes

Ruhe und das Vermeiden von Lärm spielen eine permanente Rolle, um eine tierschutz- und tierwohlgerechte Schlachtung zu ermöglichen. Die korrekte und tierschutzgerechte Durchführung steht unter der Kontrolle von eigens geschulten Tierärzt*innen und dem*der Tierschutzbeauftragten.
Die Betäubungsfalle schränkt die Bewegungsfreiheit des Tieres bewusst ein, um dieses zu beruhigen. Auch der Kopf des Tieres wird fixiert, um eine effektive und tierschutzgerechte Betäubung durch den Bolzenschuss zu garantieren. Es erfolgt sofort eine professionelle Kontrolle, ob die Betäubung korrekt durchgeführt wurde. Ein nicht korrekt betäubtes Tier wird nicht aus der Betäubungsfalle gelassen und noch einmal betäubt, bis eine korrekte Bewusstlosigkeit festgestellt wird. Im Anschluss erfolgt der Entbluteschnitt und der durch Blutverlust hervorgerufene Tod des Tieres.

Interview: Wir haben die Geschäftsführerin des bsi Schwarzenbek, Frau Dr. Karen von Holleben, zu verschiedenen Aspekten des Tierwohls interviewt. Frau Dr. von Holleben ist maßgeblich an der Gestaltung und Neuausrichtung deutscher Schlachthöfe nach Tierschutz & -wohlaspekten beteiligt. 

Dr. Karen von Holleben, bsi Schwarzenbek

Das Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung in Schwarzenbek hat sich darauf spezialisiert Unternehmen, Behörden und Verbände zu Tierschutzfragen beim Umgang mit Tieren, beim Transport oder Schlachtung sowie bei der Tötung im Seuchenfall zu beraten. 

Für viele sind die beiden Begriffe Tierwohl und Schlachtung nicht in Zusammenhang zu bringen. Aus diesem Grund haben wir in unserer aktuellen Kampagne genau diese beiden Themen aufgegriffen. Fangen wir mit einer grundsätzlichen Frage an. Was bedeutet für Sie Tierwohl?

Ich finde die Definition des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ (2015) sehr gut, nach der „Tierwohl“ (direkt übersetzt von „Animal Welfare“) die Aspekte Tiergesundheit, die Abwesenheit von Schmerzen, Leiden & Schäden, die Ausführbarkeit von natürlichen Verhaltensweisen und das Wohlbefinden eines Tieres umfasst, also wie es dem Tier geht. Am Schlachthof lassen sich die Begriffe Tierschutz und Tierwohl nur schwer voneinander trennen.  „Tierschutz ist das, was (rechtlich und auch darüber hinaus) getan wird, um Schmerzen, Leiden & Schäden beim Tier zu vermeiden und Wohlbefinden zu sichern. Tierwohl – d.h. wie es dem Tier geht – ist folglich das Ergebnis des Tierschutzes.“ Beide Begriffe geben unterschiedliche Perspektiven wieder.

Wie kann ich es mir vorstellen, dass ein Schlachthof sich mit dem Thema Tierwohl beschäftigt? An welchen Stellen/Orten wird auf Tierwohl geachtet?

Tierschutz oder Tierwohl müssen auf dem Schlachthof gelebt werden. Vom Management über die Tierschutzbeauftragten bis hin zum Personal im Lebendbereich müssen alle dahinterstehen, an der Rampe, im Stall, beim Zutrieb und bei der Betäubung. Das hat viel mit Kenntnissen und Fähigkeiten des Personals zu tun, aber auch damit die Prozesse immer wieder selbstkritisch zu beleuchten. Bauliche und technische Voraussetzungen spielen ebenso eine Rolle. Wenn diese nicht stimmen, sind auch die Möglichkeiten des besten Personals begrenzt. 

Wird auch das Abladen der Tiere schon unter Tierwohlaspekten betrachtet und demnach auch organisiert?

Ja, auch beim Abladen bedeutet Tierwohl, die Perspektive des Tieres einzunehmen, ohne die Tiere zu vermenschlichen.

Idealerweise sollte Tierwohl vom Schlachtbetrieb auch auf den vorgelagerten Bereich ausstrahlen, d.h. auf die Haltung und den Transport. Landwirte und Transporteure müssen wissen, dass der Schlachtbetrieb Wert darauflegt, dass es den angelieferten Tieren bisher gut ging. Das bedeutet, dass Mängel, die bei der Anlieferung auffallen, auch an die Verursacher*in weiter kommuniziert werden, und zwar nicht nur seitens der Veterinär*innen, sondern auch seitens des Schlachtbetriebes.

Worauf wird im Einzelnen geachtet – beim Einzeltier und bei der Gruppe?

Beim Abladen – wie auch auf allen anderen Treibwegen – sollte das selbstständige Vorwärtsgehen der Tiere gefördert werden. Ein ranghohes Tier verlässt das Fahrzeug meist als erstes, die anderen folgen, wenn genug Platz da ist und keine Hindernisse bestehen. Dies kann z.B. ein rutschiger Boden sein oder Personen, die im Blickfeld der Tiere stehen und reden.  

Wie kann vermieden werden, dass die Tiere verängstigt oder gestresst sind?

Indem man den Tieren ausreichend Zeit lässt, sich zu orientieren. Das Rampenpersonal muss den Zustand und das Verhalten der Tiere richtig interpretieren können. 

Die meisten Schlachtunternehmen haben – wie auch der Schlachthof in Oldenburg – den Lebendbereich nach den Empfehlungen der Rinderflüsterin Temple Grandin aus den USA angelegt. Was hat es damit auf sich?

Der Schlachthof in Oldenburg wurde bei seiner Neugestaltung durch das bsi Schwarzenbek beraten. Wir haben uns dabei auch, aber nicht nur an die von Temple Grandin veröffentlichten Empfehlungen gehalten.  Temple Grandin hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir Menschen die Wahrnehmung der Rinder besser verstehen. Dadurch wurde die Gestaltung verhaltensgerechter Rampen, Warte-/Ruhebereiche sowie Treibwege maßgeblich vorangetrieben. Diese Erkenntnisse sind aber in vielen insbesondere älteren Schlachtbetrieben noch nicht optimal berücksichtigt. Stall und Zutrieb waren lange nicht unbedingt das Wichtigste bei der Investitionsplanung der Betriebe.

Warum sind die Laufwege der Rinder in einem Schneckensystem angeordnet?

Kurven müssen im richtigen Radius ausgeführt sein. Die Treiber können Rinder in Kurven schonend um sich herum bewegen unter Berücksichtigung von Ausweichdistanzen und Ausweichrichtung. Rinder folgen anderen Tieren um eine Kurve nach. Irritierende Einflüsse direkt von vorne haben in Kurven weniger Einfluss. Temple schreibt auf ihrer Homepage auch, dass Kurven förderlich sind, weil Rinder dann nach ihrem Empfinden dorthin zurückgehen, wo sie herkommen.

Worauf müssen die Mitarbeiter*innen besonders achten, wenn sie die Tiere zur Betäubungsbucht treiben?

Beim Zutrieb zur Betäubung ist es wichtig, die Tiere in ihrer Vorwärtsbewegung zu unterstützen, ohne sie zu hetzen. Der Einsatz von Treibhilfen muss dosiert und im richtigen Moment erfolgen. Weniger kann dabei manchmal mehr bewirken. Gutes Personal muss auch erkennen, wann besser kurz abgewartet werde sollte.  

Aktuell werden die Rinder mit einem (pneumatischen) Bolzenschuss betäubt. Ist dies unter Tierwohlaspekten die geeignetste Methode oder wird es hier zukünftig andere Methoden geben?

Der korrekt ausgeführte Bolzenschuss wirkt unmittelbar und anhaltend. Für Rinder gibt es momentan keine bessere Methode. Wir forschen aber dennoch zu weiteren Verbesserungen, z.B. welche Bolzendurchmesser, -längen oder welcher Druck im Hinblick auf die jeweils zu betäubenden Tiere verwendet werden sollten.   

Wie kann garantiert werden, dass das Wohl der Tiere nie gefährdet ist?

Beim Umgang mit Tieren gibt es kein „Nie“.  Wir sollten die Arbeit mit lebenden Tieren aber auch wieder mehr wertschätzen. Nicht jede*r kann das. Außerdem ist – wie schon gesagt – die Einstellung des Managements ganz wichtig. Die Tierschutzbeauftragten müssen bei ihrer mühsamen Arbeit Unterstützung erfahren.   

Wie wird mit Tieren umgegangen, die sich z.B. beim Transport verletzt haben? Inwiefern kann hier das tierwohlgerechte Schlachten noch eingehalten werden?

Hier müssen Transporteur*innen, Tierärzt*innen und das Personal an der Rampe kompetent zusammenarbeiten und schnell die beste Lösung für das betroffene Tier finden. Das kann die Betäubung und Tötung an Ort und Stelle sein oder eine vorzeitige Schlachtung. In diesem Falle würde ich eher von Tierschutz sprechen, d.h. den Aktivitäten der Menschen, die darauf abzielen, Tieren unnötige Schmerzen, Leiden & Schäden zu ersparen, als von Tierwohl. Wichtig ist es, auch hier die Ursachen im Blick zu haben, damit solche Fälle möglichst vermieden werden.

Wird sich zukünftig noch mehr verändern, wenn es um Tierwohl geht? Wenn ja, könnten Sie dies für uns skizzieren?

Wir müssen uns entscheiden, ob wir Qualität wollen oder „Billig und Masse“. Die Gesellschaft fordert mehr Tierwohl ein. Dies bedeutet, aber auch mehr Wertschätzung für die Tiere und die daraus erzeugten Lebensmittel. Vielleicht werden wir ja in Zukunft wieder nur noch am Wochenende Fleisch essen, dafür aber mit mehr Genuss. 

Interview: Was sagt der Verband der Fleischwirtschaft zu den Themen Tierwohl und Schlachtung?

Dr. Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin Verband der Fleischwirtschaft

Aron Steinemann, Prokurist Steinemann Holding

Wir haben uns mit dem Thema Schlachtung und Tierwohl intensiv auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang haben wir auch beim Verband der Fleischwirtschaft (VDF) sowie bei der Steinemann Holding GmbH & Co KG nachgefragt, wie sich diese beiden Themen zusammenfügen lassen. Der VDF in Bonn beschäftigt sich als Dachverband der Fleischwirtschaft tagtäglich mit den Bereichen Transport, Schlachtung und Fleischverarbeitung. Das Unternehmen Steinemann ist ein familiengeführtes Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen aus Steinfeld und beschäftigt sich tagtäglich mit dem Thema Tierwohl in der Rinder- und Schweineschlachtung. Die VDF-Hauptgeschäftsführerin Dr. Heike Harstick und der Prokurist der Steinemann Holding Aron Steinemann standen für uns Rede und Antwort.

Was bedeutet für Sie Tierwohl?

Heike Harstick: Tierwohl ist nicht nur das Vermeiden von Schmerzen und Leiden der Tiere, sondern eine Betrachtung des gesamten Tieres in Beziehung mit der Umgebung, die wir als Menschen dem Tier bieten. Das Wohl der Tiere wird mit fünf Freiheiten beschrieben:

1. Freiheit von Hunger, Durst und Fehlernährung
2. Freiheit von Unbehagen
3. Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit
4. Freiheit von Angst und Leiden
5. Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens

Aron Steinemann: Tierwohl ist für jeden unserer Mitarbeiter allgegenwärtig und zieht sich durch sämtliche Prozesse im Unternehmen. Jeder prägt und lebt den Tierwohlgedanken mit dem eigenen Handeln und Denken. Wir arbeiten dabei mit langjährigen Partnern zusammen die Tierwohl auch auf den vorgelagerten Prozessstufen im Bereich der Nutztierhaltung leben.

Wie kann ich es mir vorstellen, dass ein Schlachthof sich mit dem Thema Tierwohl beschäftigt? An welchen Stellen/Orten wird auf Tierwohl geachtet?

Steinemann: Tierwohl beginnt bei uns im Lebendvieh-Einkauf, indem wir hier auf langjährige und verlässliche Partnerschaften zurückgreifen. Wir beziehen unsere Tiere hier nur von bekannten Geschäftspartnern. Im Betrieb beschäftigen wir uns dann in den Bereichen der Stallungen inkl. Abladen und Verbringen in den Wartestall, Zutrieb und Betäubungsbereich ganz ausgiebig mit Themen rund ums Tierwohl und versuchen uns hier stetig zu hinterfragen und zu verbessern. Durch Tierschutzbeauftragte in den unterschiedlichen Prozessstufen und auch Managementebenen versuchen wir das Wissen breit zu streuen.

Harstick: In den vergangenen 20 Jahren hat der Tierschutz in Schlachtbetrieben enorm an Bedeutung gewonnen und die Betriebe haben zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbesserung des Tierwohls mit baulichen Maßnahmen und technischen Einrichtungen umgesetzt. Das fängt bei der Höhe der Entladerampen an, geht über die Ausstattung der Warteställe, den Verlauf und die Steigung der Treibgänge, die Licht- und Luftverhältnisse bis hin zur automatisierten Entblutekontrolle, um nur einige Beispiele zu nennen.

In der gesellschaftlichen Diskussion kommt das Thema Weideschlachtung immer mehr in den Vordergrund, wenn es um das Tierwohl geht? Wie sehen Sie das? Ist diese Schlachtmethode artgerechter als eine industrielle Schlachtung?

Harstick: Bei der Weideschlachtung bleibt das Tier bis zur Schlachtung in seiner gewohnten Umgebung. Sofern es sich dabei um Tiere handelt, die es nicht gewohnt sind, mit Fahrzeugen transportiert zu werden, fällt ein Stressfaktor vollständig weg. Auf der anderen Seite ist eine schnelle effektive Betäubung von Tieren auf der Weide nicht so gut durchzuführbar, wie unter kontrollierten Bedingungen im Schlachtbetrieb. Gleiches gilt für die Entblutung. Es gibt also Vor- und Nachteile. Hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit ist die Schlachtung in einem Betrieb mit direkter hygienisch kontrollierter Weiterverarbeitung und Kühlung auf jeden Fall vorzuziehen. 

Steinemann: Das Thema Weideschlachtung wird aktuell sicherlich kontrovers diskutiert. Neben den artgerechten Aspekten sind sicherlich die hygienischen und produktbeeinflussenden Qualitätsfaktoren nicht zu vernachlässigen. Man muss in Betracht ziehen für welche Regionen dies vielleicht ein Thema der Zukunft sein kann. Sicherlich wird es hier regionale Unterschiede geben.

Wird auch das Abladen der Tiere schon unter Tierwohlaspekten betrachtet und demnach auch organisiert?

Harstick: Ja, dieser Prozess wird wie die folgenden Prozessschritte durch den Tierschutzbeauftragen in den Schlachtbetrieben sorgfältig geplant und einem Monitoring unterzogen. Hier arbeiten die Betriebe Hand in Hand mit den Transporteuren, die die Tiere an der Rampe übergeben. Ein verantwortungsvolles Miteinander ist wichtig für den schonenden Umgang mit den Tieren. 

Steinemann: Das Abladen der Tiere wird bereits von unserem Tierschutzbeauftragen begleitet. Zusätzlich wird dieser Schritt ebenfalls von behördlicher Seite kontrolliert. 

Aktuell werden die Rinder mit einem (pneumatischen) Bolzenschuss betäubt. Ist dies unter Tierwohlaspekten die geeignetste Methode oder wird es hier zukünftig andere Methoden geben?

Harstick: Der Bolzenschuss ist das beste bekannte Betäubungsverfahren für Rinder. Ganz wesentlich dabei ist, dass die optimale Funktionsfähigkeit der Geräte regelmäßig kontrolliert wird und die Anwender gut geschult sind. Außerdem gibt es technische Einrichtungen, die eine optimale Anwendung unterstützen. 

Steinemann: Aus unserer Sicht die aktuell geeignetste Methode. Sicherlich sollte aber auch hier der technische Fortschritt weiter voranschreiten und somit eventuell weitere Alternativen aufzeigen.

Warum ist es so wichtig, dass der Kopf des Tieres bei der Betäubung fixiert wird?

Steinemann: Nur durch einen fixierten Kopf ist es dem Mitarbeiter möglich, einen sauberen und tierschutzkonformen Schuss anzusetzen.

Harstick: Damit der Bolzenschuss exakt an der Stelle des Kopfes angesetzt werden kann, die eine effektive Betäubung garantiert.

Wie kann garantiert werden, dass das Wohl der Tiere nie gefährdet ist?

Steinemann: Eine Garantie gibt es niemals. Das System muss einfach passen. Sich täglich zu hinterfragen und täglich zu überprüfen schafft eine gewisse Sicherheit. Arbeitet man dann noch mit langjährigen Partnern zusammen, auf die man sich verlassen kann, so kann man die Sicherheit noch weiter erhöhen. 

Harstick: Das Tierwohlmanagement und Tierwohlmonitoring in den Betrieben sorgt dafür, dass die Tierwohlanforderungen eingehalten werden. Es geht darum Fehler bei der Behandlung der Tiere soweit irgend möglich auszuschließen. Eine Garantie dafür zu geben, dass das Tierwohl niemals gefährdet wird, ist unmöglich.

Wie wird mit Tieren umgegangen, die sich z.B. beim Transport verletzt haben? Inwiefern kann hier das tierwohlgerechte Schlachten noch eingehalten werden?

Steinemann: Bei Tieren mit einem erhöhten Betreuungsaufwand ist Schnelligkeit die größte Prämisse. Das verletzte Tier schnellstmöglich zu erlösen ist in einem solchen Fall unsere Aufgabe. Durch unser fachkundiges Personal und langjährige Mitarbeiter*innen müssen wir in solchen Situationen schnell handeln um unnötiges Leiden zu vermeiden. 

Harstick: Die Beurteilung von verletzten Tieren erfolgt durch amtliche Veterinäre, diese entscheiden dann, ob an
Ort und Stelle eine Nottötung erfolgen muss oder wie mit dem Tier weiter verfahren werden soll.

Wird sich zukünftig noch mehr verändern, wenn es um Tierwohl geht? Wenn ja, könnten Sie diese Veränderungen für uns skizzieren?

Harstick: Wie in der Vergangenheit wird es auch zukünftig immer neue Erkenntnisse zur Verbesserung des Tierwohls geben. Wir als Verband sowie auch unsere Mitgliedsunternehmen verfolgen die Forschungen in diesem Bereich sehr aufmerksam und sind auch selbst an Forschungsprojekten beteiligt. Sobald sich Verbesserungsmöglichkeiten als praxistauglich und sinnvoll für das Tierwohl erweisen werden diese auch umgesetzt.

Steinemann: In Punkto Tierwohl werden wir uns gerade in den Sommermonaten, die mitunter immer wärmer werden, stärker auf hohe Außentemperaturen einstellen müssen. Wir müssen den Tieren auch in dieser Jahreszeit einen stressfreien Transport und Aufenthalt im Wartestall gewährleisten können.

#farbebekennen

Geht es um die Schlachtung von Schweinen und Rindern gehen die Vorstellungen über diesen Prozess sehr stark auseinander. In den meisten Fällen wird dieser Teil gerne ausgeblendet. Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass es unvermeidbar ist, Tiere zu töten, wenn man Fleisch essen möchte. Umso wichtiger ist es daher, verantwortlich zu handeln.

Jeder Schlachthof muss sich an geltende nationale und europäische Gesetze und Verordnungen halten. Die Tierschutzbeauftragt*innen sorgen dafür, dass der Tierschutz permanent eingehalten und beachtet wird. Denn Schmerzen, Stress und Leiden müssen für alle Tiere zum Zeitpunkt der Betäubung und Tötung möglichst vermieden werden.

Die im Schlachtprozess erfassten Daten geben zusätzlich Informationen über das Wohlbefinden der Tiere und sind die Basis von permanenten Verbesserungen auf diesem Gebiet. Neben diesen haben die wissenschaftlichen Ausführungen von Temple Grandin und anderen Forscher*innen dazu geführt, dass wir aktuell einen sehr hohen Tierwohlstandard auf den deutschen Schlachthöfen besitzen. Das Verständnis für das Tier und das Tierverhalten stehen permanent im Fokus der Wissenschaft und neueste Erkenntnisse auf diesem Gebiet werden auch weiterhin dafür sorgen, dass sich Tierwohl und Tierschutz in den hochsensiblen Bereichen des Transports, des Wartestalls und der Betäubung weiter verbessern werden.

Quellen:

Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung (BSI): Gute fachliche Praxis der tierschutzgerechten Schlachtung von Rind & Schwein, Stand: 2013

EFSA Scientific Opinion, EFSA Journal, 2020; 18(11):6275, doi: 10.2903/j.efsa.2020.6275

Temple Grandin: Improving Animal Welfare, A Practical Approach, CABI, ISBN 978-1-84593-541-2

Temple Grandin: www.grandin.com, Stand: 08. Juli 2021

Verband der Fleischwirtschaft e.V. (VDF): Leitfaden: Bewährte Verfahrensweisen für eine tierschutzgerechte Schlachtung von Rindern, Stand: 2014