Schlachtung Verein

Tierwohl und Schlachtung

If we lose respect for the animals, we lose respect for ourselves, Temple Grandin, 2008

Tierwohl und Schlachtung – wie das?

Die beiden Begriffe Tierwohl und Schlachtung könnten für manche unter uns sicherlich nicht unterschiedlicher sein und lassen sich auch nicht miteinander vereinbaren. Wir von LAND.SCHAFFT.WERTE. zeigen mit unserer Kampagne, was es damit auf sich hat. Inwieweit müssen die Mitarbeiter*innen eines Schlachtunternehmens sich an die geltenden Tierschutzstandards halten und das Wohl der Tiere immer im Auge behalten? Nach welchen Regeln und Gesetzen müssen die Unternehmen agieren? Wie wird Sorge dafür getragen, dass das Tierwohl bis zur Betäubung und Tötung nicht außer Acht gelassen wird?

Temple Grandin – die amerikanische Kuhversteherin

Beschäftigt man sich mit dem Thema Schlachtunternehmen und Tierwohl/Tierschutz geht kein Weg an der amerikanischen Tierwissenschaftlerin Temple Grandin vorbei. Wer ist diese Frau, die mit Bildern denkt und die Lebendbereiche der Schlachtunternehmen revolutionierte? Wir schauen uns Temple Grandin und ihre Idee der Grandins Verhaltensmethodik (Grandins Livestock Systems) genauer an. Seit über 40 Jahren hat sie ihr Leben den landwirtschaftlichen Tieren und ihren Verhaltensmustern gewidmet. Mit ihrer einzigartigen Beobachtungsgabe hat sie den Umgang – besonders – mit Rindern komplett neu gedacht. Temple Grandin ist Autistin und sie beobachtet ihre Umwelt ganz genau – bewusster. Sie denkt in Bildern und versetzt sich so in die Lage von Rindern. Ihr eingehender Appell „Ihr müsst in Bildern denken! Nur so könnt ihr die Tiere verstehen.“ ist der zentrale Punkt in ihren Vorträgen und Vorlesungen. Im Zentrum ihrer Forschungen und Entwicklungen stehen immer das Wohl des Tieres und das Tierverhalten.

Was haben Fanggitter für Rinder und Grandins Umarmungsbox gemeinsam?

Selbstversuche sind für Temple Grandin häufig Mittel zum Zweck. Die Konstruktion ihrer Umarmungsbox ist das populärste Beispiel. Mittels einer selbstkonstruierten Umarmungsbox beruhigte sie sich bei Reizüberflutungen. Vorbild war ein Rinder-Fanggitter, dessen enge Seitenteile – so ihre Beobachtung – einen beruhigenden Druckeffekt auf die Rinder ausübte. Dies war eine der ersten Entdeckungen, die Grandin in die Entwicklung von Fangeinrichtungen, Treibevorrichtungen und – gängen einbrachte. Rinder beruhigen sich sofort, wenn sie Druck von beiden Seiten erfahren – ähnlich dem Wickeln eines Kindes oder der entspannenden Wirkung einer Massage.

Die Fluchtzone – ab nach vorne!

Rinder haben ein ausgeprägtes Fluchtverhalten. Die sogenannte Fluchtzone ist von Tier zu Tier sehr unterschiedlich. Hiermit gemeint ist der Mindestabstand, den ein Rind z.B. zum Menschen benötigt, ohne vor diesem zu fliehen. Kennen Rinder den Umgang mit Menschen, haben sie einen niedrigen Fluchtreflex. Im Gegensatz dazu, verhalten sich Tiere, die kaum Menschkontakt oder schlechte Erfahrungen hatten. Der Drang nach vorne ist bei allen Tieren aber gleich – nur die Geschwindigkeit macht den entscheidenden Unterschied. Fest steht, dass sich gestresste oder ängstliche Tiere schlecht handhaben lassen und eine ruhige Atmosphäre daher von besonderer Wichtigkeit ist.

Tierwohl und Schlachtung
Die Tiere sind aufmerksam aber ruhig.

Ankunft am Schlachthof

Das behutsame Abladen der Tiere muss möglichst zeitnah nach der Ankunft des Transporters erfolgen. Im Vordergrund steht, dass den Tieren keine unnötige Belastung zugemutet wird und Unruhe oder Auseinandersetzungen vermieden werden.
Sollten sich Missstände beim Transport ereignet haben, werden diese direkt mit den Vorort befindlichen Veterinär*innen und dem*r betriebsangehörigen Tierschutzbeautragten erfasst und weiterverfolgt.

Unter Beobachtung dieser beiden Personen verlassen die Tiere selbständig und ruhig den Transporter. Treibhilfen dürfen nur behutsam und zum Leiten der Tiere zum Einsatz kommen. Sollten Tiere nicht eigenständig den LKW verlassen können, werden sie an Ort und Stelle untersucht. Sind schwerwiegende Läsionen am Tier erkennbar, wird dieses von der Gruppe separiert und in einer eigenen Bucht untergebracht und ggf. umgehend getötet/geschlachtet.

Einblicke in den Wartebereich eines Schlachtbetriebs

Im Wartestell eines Schlachtbetriebes haben die Tiere Gelegenheit sich vom Transport zu erholen und zur Ruhe zu kommen. Alle Tiere können jederzeit Wasser zu sich nehmen und ggf. auch bei einem längeren Aufenthalt mit Futter versorgt werden. Das Personal ist geschult und angehalten verantwortungsvoll zu arbeiten.

Nach den Beobachtungen von Temple Grandin konzipierten viele Schlachtunternehmen in Deutschland ihren Wartestall. Woran lässt sich dies erkennen?

Um eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, sind die Buchtenwände sehr hoch. Tiere aus verschiedenen Herkünften haben keine Möglichkeit sich zu sehen, so dass keine Aufregung oder Stress entstehen kann. Rinder fühlen sich in ihrem eigenen Verbund am wohlsten und das ist die Gruppe, mit der sie gemeinsam angekommen sind. Ein Vermischen von fremden Tieren ist daher nicht ratsam und kann zu Rangeleien und Verletzungen führen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Gruppengröße relativ klein bleibt. Rinder orientieren sich zum einen immer an ihrem Leittier, so dass sie dadurch beruhigt sind. Zum anderen können sie in kleinen Gruppen ihre Komfortzone incl. der Fluchtzone besser einhalten. Das Gehör eines Rindes ist sehr sensibel und das Ohrenspiel deutet immer an, wo die Unruhequelle sich befindet, die für Irritation sorgt. Laute Schreie und Rufe sind zu vermeiden, während leise Musik eher beruhigend wirkt.

Stress vor der Schlachtung ist nicht nur für das Tier selbst negativ. Auch hat dieser einen negativen Effekt auf die Fleischqualität. Beim Rind sprechen wir hier vom sogenannten DFD-Fleisch – dark (dunkel), firm (fest) und dry (fest). Es ist nur für die Verarbeitung einiger weniger Produkte wie z.B. Brühwurst zu verwenden und daher nicht erwünscht.

Im Wartestall bleiben die Rinder in kleinen Gruppen und können sich vom Transport erholen.
Tierschutzbeauftragte Marielena zeigt Gloria, wo die Tiere nach dem Abladen warten.

Das Roundpen-Prinzip: Warum schneckenförmige Wege?

Das Roundpen-Prinzip entwickelte Temple Grandin mit Hilfe ihrer Beobachtungen von Rindern und ihrem ihr eigenen Denkmuster.

Rinder fühlen sich wohl, wenn sie das Gefühl haben, dass sie dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind. Dies führt zu einem ruhigen Tierverhalten und es entspricht auch dem natürlichen Kreisverhalten von Rindern. Aus diesem Grund sind die Treibgänge zur Betäubung in einem Schlachtbetrieb schneckenförmig angeordnet. Die sich eigenständig fortbewegenden Rinder sehen, außer ihrem „Vordermann“, keine Bewegung und folgen diesem. Grandin beobachtete, dass Rinder eher aus dunklen in hellere Bereiche laufen. Dies hat einen Einfluss auf die Beleuchtung im gesamten Lebendbereich. Korrekt angebrachte Lichtquellen können als Leitsystem für die Tiere genutzt werden. Schatten und unkoordinierte Bewegungen des Personals führen zu einer panischen Reaktion und sind zu vermeiden. Wichtig beim Zutrieb in die Betäubung ist das Verhalten des Personals. Beachten diese den sogenannten Gleichgewichtspunkt (Point of Balance) der Rinder, bewegen sich die Tiere ohne menschliches Zutun von allein vorwärts. Der Gleichgewichtspunkt befindet sich an der Schulter des Rindes und wird durch das Sichtfeld (Weitwinkelsehen) bestimmt. Bewegen sich die Mitarbeit hinter der Rinderschulter, können sie eine Vorwärtsbewegung hervorrufen.

Temple Grandin ist überzeugt, dass Tiere nicht wissen, dass sie sterben müssen. Die Unruhe, die bei einigen Tieren zu beobachten ist, hat ganz andere Ursachen wie Lärm, reflektierende Stellen, rutschige Stellen oder Kontakt zu fremden Tieren.

Die Rinder laufen einen schneckenförmigen Treibgang entlang. Dieser ist nach dem natürlichen Kreisverhalten der Tiere konstruiert.
Gloria und Marielena stehen vor der Betäubungsbox, in der die Tiere mit einem Bolzenschussgerät später betäubt werden.

Die Betäubung des Rindes

Ruhe und das Vermeiden von Lärm spielen eine permanente Rolle, um eine tierschutz- und tierwohlgerechte Schlachtung zu ermöglichen. Die korrekte und tierschutzgerechte Durchführung steht unter der Kontrolle von eigens geschulten Tierärzt*innen und dem*der Tierschutzbeauftragten.

Die Betäubungsfalle schränkt die Bewegungsfreiheit des Tieres bewusst ein, um dieses zu beruhigen. Auch der Kopf des Tieres wird fixiert, um eine effektive und tierschutzgerechte Betäubung durch den Bolzenschuss zu garantieren. Es erfolgt sofort eine professionelle Kontrolle, ob die Betäubung korrekt durchgeführt wurde. Ein nicht korrekt betäubtes Tier wird nicht aus der Betäubungsfalle gelassen und noch einmal betäubt, bis eine korrekte Bewusstlosigkeit festgestellt wird. Im Anschluss erfolgt der Entbluteschnitt und der durch Blutverlust hervorgerufene Tod des Tieres.

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Interview: Wir haben die Geschäftsführerin des bsi Schwarzenbek, Frau Dr. Karen von Holleben, zu verschiedenen Aspekten des Tierwohls interviewt.

Frau Dr. von Holleben ist maßgeblich an der Gestaltung und Neuausrichtung deutscher Schlachthöfe nach Tierschutz & -wohlaspekten beteiligt. 

Dr. Karen von Holleben, bsi Schwarzenbek

Das Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung in Schwarzenbek hat sich darauf spezialisiert Unternehmen, Behörden und Verbände zu Tierschutzfragen beim Umgang mit Tieren, beim Transport oder Schlachtung sowie bei der Tötung im Seuchenfall zu beraten. 

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Interview: Was sagt der Verband der Fleischwirtschaft zu den Themen Tierwohl und Schlachtung?

Dr. Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin Verband der Fleischwirtschaft
Aron Steinemann, Prokurist Steinemann Holding

Wir haben uns mit dem Thema Schlachtung und Tierwohl intensiv auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang haben wir auch beim Verband der Fleischwirtschaft (VDF) sowie bei der Steinemann Holding GmbH & Co KG nachgefragt, wie sich diese beiden Themen zusammenfügen lassen. Der VDF in Bonn beschäftigt sich als Dachverband der Fleischwirtschaft tagtäglich mit den Bereichen Transport, Schlachtung und Fleischverarbeitung. Das Unternehmen Steinemann ist ein familiengeführtes Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen aus Steinfeld und beschäftigt sich tagtäglich mit dem Thema Tierwohl in der Rinder- und Schweineschlachtung. Die VDF-Hauptgeschäftsführerin Dr. Heike Harstick und der Prokurist der Steinemann Holding Aron Steinemann standen für uns Rede und Antwort.

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#farbebekennen

Geht es um die Schlachtung von Schweinen und Rindern gehen die Vorstellungen über diesen Prozess sehr stark auseinander. In den meisten Fällen wird dieser Teil gerne ausgeblendet. Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass es unvermeidbar ist, Tiere zu töten, wenn man Fleisch essen möchte. Umso wichtiger ist es daher, verantwortlich zu handeln.

Jeder Schlachthof muss sich an geltende nationale und europäische Gesetze und Verordnungen halten. Die Tierschutzbeauftragt*innen sorgen dafür, dass der Tierschutz permanent eingehalten und beachtet wird. Denn Schmerzen, Stress und Leiden müssen für alle Tiere zum Zeitpunkt der Betäubung und Tötung möglichst vermieden werden.

Die im Schlachtprozess erfassten Daten geben zusätzlich Informationen über das Wohlbefinden der Tiere und sind die Basis von permanenten Verbesserungen auf diesem Gebiet. Neben diesen haben die wissenschaftlichen Ausführungen von Temple Grandin und anderen Forscher*innen dazu geführt, dass wir aktuell einen sehr hohen Tierwohlstandard auf den deutschen Schlachthöfen besitzen. Das Verständnis für das Tier und das Tierverhalten stehen permanent im Fokus der Wissenschaft und neueste Erkenntnisse auf diesem Gebiet werden auch weiterhin dafür sorgen, dass sich Tierwohl und Tierschutz in den hochsensiblen Bereichen des Transports, des Wartestalls und der Betäubung weiter verbessern werden.


Quellen:

Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung (BSI): Gute fachliche Praxis der tierschutzgerechten Schlachtung von Rind & Schwein, Stand: 2013

EFSA Scientific Opinion, EFSA Journal, 2020; 18(11):6275, doi: 10.2903/j.efsa.2020.6275

Temple Grandin: Improving Animal Welfare, A Practical Approach, CABI, ISBN 978-1-84593-541-2

Temple Grandin: www.grandin.com, Stand: 08. Juli 2021

Verband der Fleischwirtschaft e.V. (VDF): Leitfaden: Bewährte Verfahrensweisen für eine tierschutzgerechte Schlachtung von Rindern, Stand: 2014

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