Interview

Was sagt der Verband der Fleischwirtschaft zu den Themen Tierwohl und Schlachtung?

Dr. Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin Verband der Fleischwirtschaft
Aron Steinemann, Prokurist Steinemann Holding

Wir haben uns mit dem Thema Schlachtung und Tierwohl intensiv auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang haben wir auch beim Verband der Fleischwirtschaft (VDF) sowie bei der Steinemann Holding GmbH & Co KG nachgefragt, wie sich diese beiden Themen zusammenfügen lassen. Der VDF in Bonn beschäftigt sich als Dachverband der Fleischwirtschaft tagtäglich mit den Bereichen Transport, Schlachtung und Fleischverarbeitung. Das Unternehmen Steinemann ist ein familiengeführtes Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen aus Steinfeld und beschäftigt sich tagtäglich mit dem Thema Tierwohl in der Rinder- und Schweineschlachtung. Die VDF-Hauptgeschäftsführerin Dr. Heike Harstick und der Prokurist der Steinemann Holding Aron Steinemann standen für uns Rede und Antwort.

Was bedeutet für Sie Tierwohl?

Heike Harstick: Tierwohl ist nicht nur das Vermeiden von Schmerzen und Leiden der Tiere, sondern eine Betrachtung des gesamten Tieres in Beziehung mit der Umgebung, die wir als Menschen dem Tier bieten. Das Wohl der Tiere wird mit fünf Freiheiten beschrieben:

1. Freiheit von Hunger, Durst und Fehlernährung
2. Freiheit von Unbehagen
3. Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit
4. Freiheit von Angst und Leiden
5. Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens

Aron Steinemann: Tierwohl ist für jeden unserer Mitarbeiter allgegenwärtig und zieht sich durch sämtliche Prozesse im Unternehmen. Jeder prägt und lebt den Tierwohlgedanken mit dem eigenen Handeln und Denken. Wir arbeiten dabei mit langjährigen Partnern zusammen die Tierwohl auch auf den vorgelagerten Prozessstufen im Bereich der Nutztierhaltung leben.

Wie kann ich es mir vorstellen, dass ein Schlachthof sich mit dem Thema Tierwohl beschäftigt? An welchen Stellen/Orten wird auf Tierwohl geachtet?

Steinemann: Tierwohl beginnt bei uns im Lebendvieh-Einkauf, indem wir hier auf langjährige und verlässliche Partnerschaften zurückgreifen. Wir beziehen unsere Tiere hier nur von bekannten Geschäftspartnern. Im Betrieb beschäftigen wir uns dann in den Bereichen der Stallungen inkl. Abladen und Verbringen in den Wartestall, Zutrieb und Betäubungsbereich ganz ausgiebig mit Themen rund ums Tierwohl und versuchen uns hier stetig zu hinterfragen und zu verbessern. Durch Tierschutzbeauftragte in den unterschiedlichen Prozessstufen und auch Managementebenen versuchen wir das Wissen breit zu streuen.

Harstick: In den vergangenen 20 Jahren hat der Tierschutz in Schlachtbetrieben enorm an Bedeutung gewonnen und die Betriebe haben zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbesserung des Tierwohls mit baulichen Maßnahmen und technischen Einrichtungen umgesetzt. Das fängt bei der Höhe der Entladerampen an, geht über die Ausstattung der Warteställe, den Verlauf und die Steigung der Treibgänge, die Licht- und Luftverhältnisse bis hin zur automatisierten Entblutekontrolle, um nur einige Beispiele zu nennen.

In der gesellschaftlichen Diskussion kommt das Thema Weideschlachtung immer mehr in den Vordergrund, wenn es um das Tierwohl geht? Wie sehen Sie das? Ist diese Schlachtmethode artgerechter als eine industrielle Schlachtung?

Harstick: Bei der Weideschlachtung bleibt das Tier bis zur Schlachtung in seiner gewohnten Umgebung. Sofern es sich dabei um Tiere handelt, die es nicht gewohnt sind, mit Fahrzeugen transportiert zu werden, fällt ein Stressfaktor vollständig weg. Auf der anderen Seite ist eine schnelle effektive Betäubung von Tieren auf der Weide nicht so gut durchzuführbar, wie unter kontrollierten Bedingungen im Schlachtbetrieb. Gleiches gilt für die Entblutung. Es gibt also Vor- und Nachteile. Hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit ist die Schlachtung in einem Betrieb mit direkter hygienisch kontrollierter Weiterverarbeitung und Kühlung auf jeden Fall vorzuziehen. 

Steinemann: Das Thema Weideschlachtung wird aktuell sicherlich kontrovers diskutiert. Neben den artgerechten Aspekten sind sicherlich die hygienischen und produktbeeinflussenden Qualitätsfaktoren nicht zu vernachlässigen. Man muss in Betracht ziehen für welche Regionen dies vielleicht ein Thema der Zukunft sein kann. Sicherlich wird es hier regionale Unterschiede geben.

Wird auch das Abladen der Tiere schon unter Tierwohlaspekten betrachtet und demnach auch organisiert?

Harstick: Ja, dieser Prozess wird wie die folgenden Prozessschritte durch den Tierschutzbeauftragen in den Schlachtbetrieben sorgfältig geplant und einem Monitoring unterzogen. Hier arbeiten die Betriebe Hand in Hand mit den Transporteuren, die die Tiere an der Rampe übergeben. Ein verantwortungsvolles Miteinander ist wichtig für den schonenden Umgang mit den Tieren. 

Steinemann: Das Abladen der Tiere wird bereits von unserem Tierschutzbeauftragen begleitet. Zusätzlich wird dieser Schritt ebenfalls von behördlicher Seite kontrolliert. 

 

Aktuell werden die Rinder mit einem (pneumatischen) Bolzenschuss betäubt. Ist dies unter Tierwohlaspekten die geeignetste Methode oder wird es hier zukünftig andere Methoden geben?

Harstick: Der Bolzenschuss ist das beste bekannte Betäubungsverfahren für Rinder. Ganz wesentlich dabei ist, dass die optimale Funktionsfähigkeit der Geräte regelmäßig kontrolliert wird und die Anwender gut geschult sind. Außerdem gibt es technische Einrichtungen, die eine optimale Anwendung unterstützen. 

Steinemann: Aus unserer Sicht die aktuell geeignetste Methode. Sicherlich sollte aber auch hier der technische Fortschritt weiter voranschreiten und somit eventuell weitere Alternativen aufzeigen.

Warum ist es so wichtig, dass der Kopf des Tieres bei der Betäubung fixiert wird?

Steinemann: Nur durch einen fixierten Kopf ist es dem Mitarbeiter möglich, einen sauberen und tierschutzkonformen Schuss anzusetzen.

Harstick: Damit der Bolzenschuss exakt an der Stelle des Kopfes angesetzt werden kann, die eine effektive Betäubung garantiert.

Wie kann garantiert werden, dass das Wohl der Tiere nie gefährdet ist?

Steinemann: Eine Garantie gibt es niemals. Das System muss einfach passen. Sich täglich zu hinterfragen und täglich zu überprüfen schafft eine gewisse Sicherheit. Arbeitet man dann noch mit langjährigen Partnern zusammen, auf die man sich verlassen kann, so kann man die Sicherheit noch weiter erhöhen. 

Harstick: Das Tierwohlmanagement und Tierwohlmonitoring in den Betrieben sorgt dafür, dass die Tierwohlanforderungen eingehalten werden. Es geht darum Fehler bei der Behandlung der Tiere soweit irgend möglich auszuschließen. Eine Garantie dafür zu geben, dass das Tierwohl niemals gefährdet wird, ist unmöglich.

Wie wird mit Tieren umgegangen, die sich z.B. beim Transport verletzt haben? Inwiefern kann hier das tierwohlgerechte Schlachten noch eingehalten werden?

Steinemann: Bei Tieren mit einem erhöhten Betreuungsaufwand ist Schnelligkeit die größte Prämisse. Das verletzte Tier schnellstmöglich zu erlösen ist in einem solchen Fall unsere Aufgabe. Durch unser fachkundiges Personal und langjährige Mitarbeiter*innen müssen wir in solchen Situationen schnell handeln um unnötiges Leiden zu vermeiden. 

Harstick: Die Beurteilung von verletzten Tieren erfolgt durch amtliche Veterinäre, diese entscheiden dann, ob an Ort und Stelle eine Nottötung erfolgen muss oder wie mit dem Tier weiter verfahren werden soll.

Wird sich zukünftig noch mehr verändern, wenn es um Tierwohl geht? Wenn ja, könnten Sie diese Veränderungen für uns skizzieren?

Harstick: Wie in der Vergangenheit wird es auch zukünftig immer neue Erkenntnisse zur Verbesserung des Tierwohls geben. Wir als Verband sowie auch unsere Mitgliedsunternehmen verfolgen die Forschungen in diesem Bereich sehr aufmerksam und sind auch selbst an Forschungsprojekten beteiligt. Sobald sich Verbesserungsmöglichkeiten als praxistauglich und sinnvoll für das Tierwohl erweisen werden diese auch umgesetzt.

Steinemann: In Punkto Tierwohl werden wir uns gerade in den Sommermonaten, die mitunter immer wärmer werden, stärker auf hohe Außentemperaturen einstellen müssen. Wir müssen den Tieren auch in dieser Jahreszeit einen stressfreien Transport und Aufenthalt im Wartestall gewährleisten können.