Wie uns die Laborindustrie…

Beschützt

Unbedacht greifen wir im Supermarkt zu. Der Wagen ist voll, auf geht‘s Richtung Küche. Was wir meist nicht ahnen, unser Einkauf könnte im Grunde nichts anderes sein, als ein Trojanisches Pferd.Wir werden belagert, täglich. Doch sind es keine Griechen, die urplötzlich aus der Tüte springen. Im Gegensatz zu antiken Zeiten sind die mittlerweile äußerst friedlich, könnte also eher eine nettes Ründchen werden. Ouzo und so. Stattdessen sind es Keime. Bakterien, winzig klein und unsichtbar, mit Namen wie Salmonella, Escherichia Coli, Listerien, Legionellen, Clostridien, Campylobacter. Wo ist das Problem? Ist genug davon in unserem Essen sind Durchfall, Erbrechen, Übelkeit, Fieber und so einiges mehr die unangenehme Folge. Wer also garantiert, dass beispielsweise unser Fleisch von guter Qualität ist?

Am liebsten machen wir uns immer selbst ein Bild, also haben wir ein Labor besucht. Das „Labor hinterm Esch“ in Niedersachsen öffnete für uns die Türen. Wir durften den Mitarbeiterinnen bei der Untersuchung von Fleisch und anderen Proben aus der Tierhaltung über die Schultern schauen. Gleich zu Beginn ging es zu Christine, die Tierärztin gab uns eine Einweisung in die Bakteriologie. Im Grunde wird hier die Frage geklärt:

Um welche Bakterien handelt es sich und welches Medikament wirkt?

Untersucht werden Proben wie zum Beispiel Fleisch oder Blut, aber auch Entnahmen direkt aus dem  Stall. Oft sind es die Tierärzte der Betriebe, die bei Kontrollbesuchen Symptome bei den Tieren entdecken und dementsprechend Proben einschicken, um das Tierwohl zu gewährleisten. Möglichst schnell, lautet hier die Devise. Frühestens nach einem Tag, spätestens nach drei, kann ein Befund ermittelt werden.

Die Vorgehensweise:

Proben werden auf Nährlösung aufgetragen und im warmen Brutschrank gelagert. Unter den perfekten Bedingungen wachsen die gesuchten Bakterien zu riesigen, sichtbaren Kolonien an und können typisiert werden. Bei einem anschließendem Resistenztest wird mit verschiedenen Antibiotika versehenes Filterpapier auf die Platte gelegt. Wächst der Erreger an entsprechender Stelle nicht, dann wirkt das jeweilige Antibiotikum. Es kann am Tier eingesetzt werden.

„Resistenztest“

Resistenztest – Christine zeigt uns das Ergebnis

„Salami?“

Nein, so sehen die Kolonien auf der Nährlösung aus.

#farbebekennen

Anders als in der Landwirtschaft werden in der Humanmedizin diese Tests bei Erkältung und Ähnlichem kaum durchgeführt. Wenn euch also z. B. ein Antibiotikum verschrieben wurde und ihr keine Probe (Speichel, Blut) abgeben sowie auf keinen Befund wartet musstet, wurde das Mittel lediglich auf Verdacht verschrieben. Habt ihr dann das Falsche bekommen, wurde den Bakterien sogar geholfen resistent zu werden!

Weiter ging es für uns dann zu der Laborantin und Laborleiterin Birgit, die uns die PCR zeigte. Bekannt ist diese Methode vor allem aus der Kriminologie, aber auch für Vaterschaftstests wird sie genutzt. Überführt werden also zwei Sorten von Tätern: Verbrecher und – nun ja potenzielle Väter. Birgit untersucht mit der PCR jedoch vor allem Proben aus Fleisch von Schlachthöfen. Meist auf Salmonellen, das sind hier die Übeltäter.

Bei der PCR wird nicht auf Bakterien getestet, sondern auf DNA

Das bedeutet selbst tote Salmonellen werden aufgespürt, auch schon in den kleinsten Mengen. Erstaunlich. Auch hier ist Sorgfalt wieder das A und O. Ansonsten könnte am Ende kontaminiertes Fleisch seinen Weg in die Ladentheke finden. Daher wird diese Untersuchung im Grunde jeden Tag durchgeführt, eine große Verantwortung im Hinblick auf die Qualität.

„Ein Blick über die Schulter“

Ein Blick über die Schulter – Die Proben werden aufbereitet – viel Aufwand: Es muss zentrifugiert, abpipettiert und geschüttelt werden.

„Das Ergebnis ist da!“

Das Ergebnis ist da! – Seit 4 ½ Jahren keine bedenkliche Probe.

Der Trend wurde nicht gebrochen, es handelt sich zum Glück um eine einwandfreie Probe!

Nächste Station: ELISA. Also eigentlich geht es weiter zu Mechthild. Sie zeigte uns die Methode ELISA. Hier geht es vor allem um eine Kontrolle der Tierhaltung in der Landwirtschaft.

#farbebekennen

Bei der ELISA werden Proben auf Antikörper zum Beispiel von Salmonellen untersucht. Die bleiben nach einer Infektion übrig und somit wird ermittelt ob und wie stark ein Tier Kontakt zu dem Erreger hatte. Auch der Erfolg von Impfungen wird so überprüft.

Blut- und Fleischsaftproben werden dazu mit verschiedenen Mitteln versetzt. Im Anschluss an eine Stunde Einwirkzeit wird die Farbreaktion dann mittels Lichtstrahlen durch den Computer gemessen. Bei Schweinen werden üblicherweise je 200 Tiere eines Betriebes 60 Proben gezogen und auf diese Weise überprüft. Die Ergebnisse gehen anschließend an die QS-Datenbank.

#farbebekennen

QS steht für “Qualität und Sicherheit” und ist ein Kontrollsystem für u. a. die gesamte Kette der Fleischerzeugung. Die Betriebe werden dabei in Kategorien eingeordnet.

Wichtig dabei: Die Proben sind anonymisiert, damit bleibt die Einschätzung unabhängig. Bei schlechten Ergebnissen werden jedoch QS und das Veterinäramt involviert und die Betriebe überprüft.

Für uns eine gute Nachricht: Mechthild ist jetzt seit 3 ½ Jahren Teil des Teams und Verbesserungen sind zu spüren (Stand: 17. August 2017). Schlechte Ergebnisse kommen immer seltener vor. Viele Maßnahmen scheinen zu greifen und sichern die Qualität beispielsweise beim Fleisch!

„Der tägliche Kampf gegen den Wecker“

Der tägliche Kampf gegen den Wecker: Wer kennt ihn morgens nicht? Hier sind es ein paar mehr, aber nur so kann die Einwirkzeit für die verschiedenen Proben exakt eingehalten werden.

„So sehen die Ergebnisse aus“

So sehen die Ergebnisse aus – 92 Proben, je dunkler, desto stärker fiel der Kontakt mit Salmonellen aus. Dieses Mal: 6 von 92 sowie 4 von 92 Proben waren erhöht. Das sind durchschnittliche Werte.

#farbebekennen

Es ist ein ganz schöner Aufwand, der für sichere Lebensmittel -in diesem Fall Fleisch- betrieben wird. Viele Risiken können so ausgeschlossen werden und der Trend ist positiv. Vor allem bei Salmonellen! Früher die Hauptursache für Lebensmittelinfektionen, ist die Zahl in Deutschland im Jahr 2018 auf zuletzt 13.529 von Salmonellose zurückgegangen. Klingt immer noch viel, doch es werden laufend weniger. Die Qualität unserer Lebensmittel wird also immer besser!

Der Ball liegt nun bei uns, ein großes Risiko für Infektionen ist immer noch unsere eigene Küchenhygiene. Gerichte, besonders Fleisch und Eier müssen richtig erhitzt, aber vorher und nachher durchgehend gekühlt werden. Nehmen wir es bildlich: Wäre das Trojanische Pferd zehn Minuten auf hundert Grad erhitzt worden, Troja würde noch stehen. Gut, den Film mit Brad Pitt hätte es dann nicht gegeben. Irgendwas ist immer.

Was passiert hinter den Kulissen, wenn Nutztiere in Deutschland erkranken?

Ob in biologischer und konventioneller Tierhaltung, alternativer Landwirtschaft in der Natur oder in den eigenen vier Wänden – Tiere können krank werden. Handelt es sich um Nutztiere in Deutschland, merkt der*die Landwirt*in schnell, dass etwas nicht stimmt. Die ersten Anzeichen werden meist auf der täglichen Routinetour durch den Stall erkannt. Doch was ist in dem Fall zu tun? Eine Entscheidung muss her, denn ein gesundes Tier ist die Grundvoraussetzung für Tierwohl sowie für die Qualität des Fleisches. Müssen Medikamente zum Einsatz kommen? Und wenn ja, welche wirken bei dieser Krankheit? Ab jetzt kommen weitere Spezialisten ins Spiel: Tierärzt*innen und Labore.

Wie so ein Fall aussieht haben wir uns vor Ort angeschaut. Was also passiert hinter den Kulissen der Tierhaltung? Wie konnte zum Beispiel der Antibiotikaeinsatz bereits halbiert werden? Dafür war Caro wieder on Tour: Diesmal bei der Tierärztin Johanna. Zu Besuch in der Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, konnten wir Ihr bei der täglichen Arbeit im Labor über die Schulter schauen. Eine der Hauptaufgaben: Die Diagnose einer Krankheit und die Entscheidung für die richtige Therapie.

Welches Antibiotikum passt? – Der Vorgang in der Praxis

Antibiotika kommen immer dann zum Einsatz, wenn eine bakterielle Infektionskrankheit bekämpft werden soll, ob beim Menschen, Haustier oder eben Nutztier. Doch jeder Einsatz birgt ein Risiko: Die Resistenz von Erregern wird gefördert, das bedeutet Antibiotika können in Zukunft ihre Wirksamkeit verlieren.

Daher sollte in Human- wie Tiermedizin der Grundsatz lauten: Der Einsatz erfolgt nur, wenn unbedingt erforderlich. Als Leistungsförderer in der Tierhaltung sind Antibiotika seit 2006 EU-weit verboten. Wirksam sind sie ohnehin nur bei Infektionen mit Bakterien. Sie helfen kaum, wenn der Ursprung einer Krankheit bei Viren, Pilzen, Protozoen oder Parasiten wie Würmern liegt.

Doch Antibiotika ist nicht gleich Antibiotika.

Es gibt unzählige Mittel, die auf bestimmten Wirkstoffen und damit Wirkmechanismen basieren. Klingt erst einmal kompliziert, doch es bedeutet letztlich, dass bestimmte Bakterien nur gegen bestimmte Antibiotika empfindlich sind. Werden die Bakterien mit dem passenden Antibiotikum bekämpft, kann die Krankheit erfolgreich therapiert werden. Sind die Bakterien aber gegen diesen Wirkstoff resistent, hilft das Mittel nur bedingt.

Um also herauszufinden, welches Mittel eingesetzt werden sollte, ist in der Praxis die Erstellung von sogenannten Antibiogrammen üblich. Das sind die Ergebnisse von Antibiotika-Resistenz-Tests. An diesen kann abgelesen werden, auf welche antibiotischen Wirkstoffe ein Erreger sensibel oder eben resistent reagiert.

Im ersten Schritt entnimmt ein*e Tierärzt*in Proben bei dem erkrankten Tier, die an ein Veterinärlabor übergeben werden. Dort wird dann in der Regel ein Agardiffusionstest durchgeführt.

Dazu wird der Erreger auf einem Nährboden ausgebracht und mit einem Stempel antibiotische Wirkstoffe aufgetragen. Anschließend wird das Ganze bebrütet und schließlich die Reaktion der Erreger analysiert. An der Stelle, an dem der Erreger trotz des entsprechenden Wirkstoffes wachsen konnte, zeigt sich die Resistenz und umgekehrt. Das Ergebnis liegt ein bis maximal drei Tage nach Probeentnahme der behandelnden Tierärztin/dem behandelnden Tierarzt vor. Danach ist klar, ob und welches Antibiotikum bei dieser Krankheit hilft. Damit bildet ein Antibiogramm zusammen mit der tierärztlichen Erfahrung, die Grundlage der Therapieentscheidung für oder gegen ein bestimmtes Antibiotikum.

Zu Besuch:

Diesmal in der Außenstelle für Epidemiologie der TiHo Hannover.

In der Sektionshalle:

Für Tierärztin Johanna längst Routine.

In der Sektionshalle:

Die Proben wurden genommen.

In der Sektionshalle:

Der erste Blick ergibt bereits einen Hinweis auf die Krankheit des Tieres.

In der Diagnostik:

Dank des Bunsenbrenners bleibt das Werkzeug steril.

In der Diagnostik:

Hier werden die Proben genauer untersucht.

In der Diagnostik:

Viele Handgriffe sind nötig.

In der Diagnostik:

Konzentration ist gefragt, das Auftragen auf die Nährböden ist ein entscheidender Schritt.

Antibiotika – Schritt für Schritt reduziert

Seit 2011 werden die abgegebenen Mengen von Arzneimitteln an Tierärzte durch die Pharmazeutische Industrie erfasst. Die Daten werden gesammelt und durch das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ausgewertet. Insbesondere auf Antibiotika wird großes Augenmerk gelegt.

Warum das Ganze?

Jeder Einsatz eines Antibiotikums kann natürlicherweise zu einer Selektion von Bakterien führen, die gegen diesen Wirkstoff resistent sind. Bestimmte Antibiotika können so ihre Wirkung verlieren.[1] Daher ist es wichtig, den Status Quo des Verbrauchs zu ermitteln um anschließend das Einsparpotential abschätzen zu können. Es zeigt sich: Die Abgabe in Deutschland wurde seit 2011 bis 2018 Schritt für Schritt von 1.706 auf 722 t reduziert, um insgesamt 58 %.

Wie konnte das erreicht werden? Wurden schlicht weniger Antibiotika gegeben und erkrankte Tiere „allein gelassen“?

Nein, es wurden Konzepte zur Minimierung auf breiter Basis umgesetzt. Durch Hygienemaßnahmen und verstärkte Biosicherheit, Vorsorge mit Impfungen und alternative Behandlungsmethoden, aber auch indirekt durch Verbesserungen in der Fütterung und der Haltung konnte diese Reduktion erreicht werden. Gleichzeitig werden in der Tiermedizin nur wenige sog. „Reserveantibiotika*“ eingesetzt – gemessen an der Gesamtmenge in 2018 ca. zwei Prozent. Um den Einsatz dieser Wirkstoffe weiter zu senken, sind seit Anfang März 2018 Tierärzte bei ihrem Einsatz zu einem Antibiotika-Resistenz-Test verpflichtet, ein weiterer Schritt um den Antibiotikaeinsatz effizienter zu gestalten.

Alles in allem handelt es sich um eine gemeinschaftliche Aufgabe vor allem für die Tierhalter und die Tierärzte, aber auch den Gesetzgeber, Kontrollinstanzen und Labore diesen Trend weiter fortzuführen, bis ein Minimum erreicht wird. Klar ist aber auch, dass schon aus Tierschutzgründen, erkrankte Tiere immer ein Recht auf eine Behandlung haben müssen, und ein völliger Verzicht auf Antibiotika nicht möglich sein wird.

* Fluorchinolone und Cephalosporine der 3./4. Generation