Leben Sie alle auf der Weide?
In Deutschland werden 83 Prozent der Rinder in sogenannten Laufställen (Laufstall =Stallform, in denen die Tiere zwischen Bewegungs-, Ruhe-, Melk- und Futterbereich frei wählen können1) gehalten. Die Zahl der Anbindehaltung ging in den letzten Jahren rapide auf 10 Prozent zurück.2 Der restliche Teil bezieht sich auf verschiedene Haltungsformen für Rinder wie z. B. Iglus.
Innerhalb Deutschlands variieren die Haltungsformen sehr stark. Betrachten wir nur die Möglichkeit eines Weideganges, so können wir zwischen Nord- und Süddeutschland große Unterschiede sehen. In Bayern liegt der Anteil der Weidenutzung mit 19 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt3, während in Niedersachsen 34 Prozent der gehaltenen Rinder die Option Weidegang besitzen.4
Wo die Unterschiede der einzelnen Haltungsformen für Rinder bzw. in der Fleischrinderhaltung liegen, beleuchtet der folgende Beitrag:
Die Unterschiede zwischen den Haltungsformen für Rinder
Seit 2019 existiert in Deutschland das freiwillige Label „Haltungsform“, welches von dem Lebensmitteleinzelhandel und den Schlachtunternehmen gemeinsam aufgelegt wurde. Es handelt es sich demnach um eine Branchenlösung (siehe auch haltungsform.de). Mit diesem Label wird den Verbraucher:innen die Möglichkeit gegeben, dass beim Fleischkauf auf den ersten Blick erkennbar ist, wie das Tier vorher gehalten wurde.
Seit 2024 umfasst die Haltungsformkennzeichnung fünf Stufen: „Stall“, „Stall + Platz“, „Frischluftstall“, „Auslauf/Weide“ und „Bio“ unterschieden.5
Die Haltungsformen unterscheiden sich durch verschiedene Anforderungen, die an die Haltung der Tiere während der Mast gestellt werden.
Die Haltungsform 1: „Stall“
Nach der Haltungsformkennzeichnung müssen Rinder, die in der Haltungsstufe 1„Stall“ gehalten werden zwischen 1,5 und 2,2 Quadratmeter Platz pro Tier haben (je nach Gewicht der Tiere).6 In dieser Haltungsform wird empfohlen, dass die Tiere in einem Laufstall gehalten werden. Eine Anbindehaltung ist jedoch noch möglich.
Tiere dieser Haltungsform werden mit QS-zugelassenen bzw. QS-anerkannten Futtermitteln gefüttert. Unter QS-zugelassene Futtermitteln versteht man, dass die Futtermittel auf die Einhaltung von Grenz- und Richtwerten zum Beispiel für Mykotoxine (Mykotoxine sind giftige Stoffwechselprodukte, die von Schimmelpilzen gebildet werden.8) überprüft werden.7
Außerdem werden in der Haltungsstufe 1 die Antibiotikagaben und die Tiergesundheitskontrollen am Schlachthof in einer QS-Datenbank festgehalten.
Die Haltungsform 2: „Stall + Platz“
Halten Landwirt:innen ihre Tiere unter der Haltungsform 2 „Stall + Platz“ müssen die Rinder mindestens 3 Quadratmeter pro Tier (bei einem Gewicht von über 400 kg) haben.9 Handelt es sich um Ochsen oder Färsen haben diese einen ständigen Zugang auf einen Laufhof bzw. es besteht die Möglichkeit des Weidegangs. Die Anbindehaltung ist bei dieser Form verboten. Bei der Haltungsform 2 werden die Tiere mit QS-zugelassenen bzw. QS-anerkannten Futtermitteln gefüttert. Zudem werden in der „Stall + Platz“ die Antibiotikagaben und die Tiergesundheitskontrollen am Schlachthof in einer QS-Datenbank festgehalten.

Die Haltungsform 3: „Frischluftstall“
Die Haltungsform 3 „Frischluftstall“ enthält bereits im Namen den ausschlaggebenden Punkt. So müssen Rinder in dieser Haltungsform einen dauerhaften Kontakt zum Außenklima haben. Dies wird erreicht, indem die Tiere in einem Laufstall mit einem angrenzenden Laufhof gehalten werden. Die Anbindehaltung ist verboten.
In dieser Haltungsform wird zwischen drei Optionen der Haltung unterschieden:
- Laufstallhaltung mit ganzjährig nutzbarem Laufhof (mind. 3 Quadratmeter/Tier im Laufhof) (Laufhof = eine mit Spalten- oder Betonboden ausgestattete eingezäunte Fläche am Stall.10)
- Laufstallhaltung mit Weidegang (mind. 120 Tage/6 Stunden)
- Offenfrontstall.
Die Fütterung während der Mastphase ist nur mit gentechnikfreiem Futter gestattet, mindestens jedoch sechs Monate vor der Schlachtung.11
Außerdem werden in der Haltungsstufe 3 die Antibiotikagaben und die Tiergesundheitskontrollen am Schlachthof in einer zentralen Datenbank vergleichbar zu der QS-Systematik festgehalten.
Die Haltungsform 4: „Auslauf/Weide“
Bei der letzten Haltungsform 4 „Auslauf/Weide“ haben die Tiere einen ständigen Zugang zu einem Auslauf. Die Fläche/Tier im Laufstall variiert je nach Gewicht der Tiere zwischen 1,5 bis 5 Quadratmeter. Hier ist entweder ein Laufhof oder eine Weidenutzung möglich. Die Anbindehaltung ist verboten. Überdies werden in der Haltungsform „Auslauf/Weide“ die Antibiotikagaben und die Tiergesundheitskontrollen am Schlachthof in einer zentralen Datenbank vergleichbar mit der QS-Systematik festgehalten.
Die Fütterung während der Mastphase ist nur mit gentechnikfreiem Futter gestattet, mindestens jedoch sechs Monate vor der Schlachtung. Darüber hinaus müssen in der Haltungsform 4 mindestens 60 Prozent der Futtermittel aus dem eigenen Betrieb bzw. aus der Region stammen. Des Weiteren müssen 60 Prozent der Trockenmasse aus frischem, getrocknetem oder siliertem Raufutter in der Tagesration bestehen. Dies sind z. B. Gras, Heu oder Grassilage.
Die Haltungsform 5: „Bio“
Die höchste Stufe der Kennzeichnung ist die Haltungsform 5 „Bio“. Sie richtet sich nach den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung und kann zusätzlich die weitergehenden Anforderungen ökologischer Anbauverbände wie Bioland, Naturland oder Demeter erfüllen. Diese Verbände stellen teilweise strengere Vorgaben an Haltung, Fütterung und Tiergesundheit. Die Tiere verfügen sowohl im Stall als auch im Außenbereich über mehr Platz.Zudem sind ein Auslauf sowie regelmäßiger Weidegang vorgeschrieben. Die Fütterung erfolgt ausschließlich mit 100 Prozent Bio-Futtermitteln, darüber hinaus müssen min. 70 Prozent der Futtermittel aus dem eigenem Betrieb bzw. der Region stammen.12
#farbebekennen – Unser Fazit:
Die Laufstallhaltung ist weiterhin die häufigste Form der Rinderhaltung in Deutschland. Gleichzeitig gewinnen höhere Haltungsstufen mit Außenklima, Auslauf und Weidegang zunehmend an Bedeutung.13 Belastbare Marktanteilszahlen nach Haltungsform liegen überwiegend nur für die Jahre 2020/2021 vor.
Damals entfielen rund 10 Prozent des Angebots auf Haltungsform 4 und etwa 3 Prozent auf Haltungsform 3.14 Neuere, bundesweit repräsentative Zahlen stehen bislang noch aus. Mit der Erweiterung auf fünf Haltungsstufen inklusive Bio bietet die Haltungsformkennzeichnung heute jedoch eine deutlich verbesserte Orientierung für bewusste Kaufentscheidungen.
Wer beim Einkauf genau hinsieht, kann somit aktiv dazu beitragen, tiergerechtere Haltungsformen zu unterstützen.
1 BIZ: Haltungsformen für Milchkühe (Stand:27.02.2023)
2 Destatis: Tierhaltung: Dominierende Haltungsformen gewinnen weiter an Bedeutung (Stand: 24.02.2023)
3 Milchbauernservice: Landwirtschaftszählung: Mehr Laufstallhaltung, weniger Anbindeplätze (Stand: 12.01.2026)
4 Destatis: Tierhaltung: Dominierende Haltungsformen gewinnen weiter an Bedeutung (Stand: 24.02.2023)
5 Haltungsform: Mindestanforderungen für Tierwohlprogramme (Stand: 24.02.2023)
6 Haltungsform: Mindestanforderungen für Tierwohlprogramme (Stand: 24.02.2023)
7 QS-Futtermittelmonitoring(Stand: 27.02.2023)
8 LAVES: Mykotoxine (Stand: 24.02.2023)
9 Kriterien und Mindestanforderungen für Tierwohlprogramme (Stand: 24.02.2023)
10 Universität Bern: Laufhof (Stand: 24.02.2023)
11 Kriterien und Mindestanforderungen für Tierwohlprogramme (Stand:24.02.2023)
12 Haltungsform: Mindestanforderungen für Tierwohlprogramme (Stand: 12.01.2026)
13 BMEL: Rinderhaltung (Stand: 20.01.2025)
14 VZHH: Wo ist das Fleisch aus besserer Tierhaltung? (Stand: 27.02.2023)