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Bestandsgrößenreduktion und der ökologische Fußabdruck bei Futtermitteln

Dr. Lina Sofie von Fricken ökologischer Fußabdruck
Dr. Lina Sofie von Fricke

Die deutsche Landwirtschaft und die nachgelagerten Bereiche sind nicht nur Verursacher und Betroffene vom Klimawandel, sondern tragen auch gezielt dazu bei, Emissionen zu reduzieren. In diesem Zusammenhang wird immer wieder über den ökologischen Fußabdruck der Landwirtschaft und besonders der Tierhaltung debattiert.

Wir sprechen mit Frau Dr. Lina Sofie von Fricken. Sie ist für die strategische Unternehmensentwicklung bei GS agri eG zuständig und im Vorstand des Global Feed LCA Institute (GFLI).

Frau von Fricken, Sie arbeiten bei GS agri eG, einem Futtermittelkonzern, als Nachhaltigkeitsexpertin. Was habe ich mir darunter vorzustellen und wie ist da Ihr Tagesablauf?

Ich unterstütze die Kolleg: innen aus allen operativen Bereichen bei nachhaltigkeitsrelevanten Themen, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen und im Tagesgeschäft „untergehen würden“. So treibe ich z.B. aktiv die Entwicklung von neuen Geschäftsfeldern im GS Bereich Energie voran – durch die Evaluierung von alternativen Antriebsformen wie z.B. (Bio)LNG und (Grünem)Wasserstoff. Außerdem unterstütze ich die Kolleg: innen bei der Umsetzung des GS Programms AckerPLUS, wo wir unter Abbildung der Aspekte Boden, Pflanzenbau und Finanzen ein Konzept für den zukunftsfähigen Ackerbau etablieren wollen. Weitere Beispiele wären der Ausbau unseres Biogeschäfts sowie die Forcierung von digitalen Lösungen entlang der Wertschöpfungskette vom Acker bis zur Ladentheke (wie z.B. Acker24 oder unsere neue Online Plattform Akoro). Die Kolleg: innen aus dem Futtermittelbereich unterstütze ich aktiv bei der Ermittlung des ökologischen Fußabdrucks von Futtermittelkonzepten für die unterschiedlichen Tierarten sowie der verantwortungsvollen Beschaffung von Agrarrohwaren aus Drittländern. 

Mein Tagesablauf ist also ebenso divers wie interessant und an Aktualität kaum zu überbieten. Ständiges Ziel dabei ist es, die GS und ihre Tochtergesellschaften mittels nachhaltiger Geschäftsmodelle für die Zukunft „fit zu machen“. 

In der gesellschaftlichen Diskussion rund um den Klimawandel kommt immer wieder der ökologische Fußabdruck vor. Was verstehe ich eigentlich darunter?

Wir Menschen neigen dazu, komplexe Sachverhalte auf einen „kleinen, gemeinsamen Nenner“ zu reduzieren. Und genau das versucht der sogenannte ökologische Fußabdruck: dieser beschreibt, wie viel Fläche ein Mensch benötigt, um seinen individuellen Bedarf an Ressourcen wie z.B. Nahrung, Kleidung aber auch Konsumgütern zu stillen. In Deutschland braucht ein Durchschnittsbürger in etwa drei Erden, um seinen Bedarf an Ressourcen zu decken. 

Wie können Sie den ökologischen Fußabdruck für Ihr Unternehmen oder für Ihre landwirtschaftlichen Kund: innen berechnen?

Für solche Berechnungen gibt es unterschiedliche Ansätze. Je nach Branche und produzierten Gütern wird unterschieden zwischen dem sogenannten OEF (Organization Ecological Footprint) und dem PEF (Product Environmental Footprint). Auf Unternehmensebene wird sich in der Regel auf das Thema Klimaschutz fokussiert, und entsprechend ein CO2-Fußabdruck ermittelt und entsprechende Energieverbrauchs- und Emissionsminderungsziele ausgewiesen. Bzgl. des ökologischen Fußabdrucks von Produkten werden in der Regel Lebenszyklusanalysen durchgeführt, um die Umweltwirkungen eines Produktes von Anfang bis Ende abbilden zu können.

Bei der GS fokussieren wir uns derzeit auf des Thema Energiemanagement, um in Zukunft bei Bedarf einen entsprechenden CO2-Fußabdruck ausweisen zu können. Außerdem werden diverse Zukunftsthemen (siehe Frage 1) angegangen, um eine nachhaltige Entwicklung unserer Geschäftsfelder zu ermöglichen. 

Im Rahmen unserer Berechnungen zum ökologischen Fußabdruck von Futterkonzepten sind wir außerdem in der Lage, unseren landwirtschaftlichen Kund: innen bei entsprechenden Anforderungen seitens ihrer Abnehmer: innen unter die Arme zu greifen. So können wir z.B. den Footprint aus der Schweinehaltung vom Rohwarenanbau auf dem Acker, über das Thema Fütterung, Haltung, Güllemanagement und Schlachtung abbilden. 

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um GS agri eG in Richtung Klimaneutralität aufzustellen?

Wir fokussieren uns derzeit auf das Thema Energiemanagement mit entsprechenden Energieverbrauchs- und Emissionsminderungszielen. Außerdem arbeiten wir an diversen anderen Themen, wie z.B. der umweltfreundlichen Fütterung von Nutztieren, einem klimafreundlichen Ackerbau, alternativen Antriebsformen und dergleichen mehr (siehe Frage 1). Ein Nachhaltigkeitscontrolling mit nicht-finanziellen Leistungsindikatoren ist außerdem im Aufbau. 

Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene geht es in den Klimadiskussionen nie ohne eine Forderung nach der Reduzierung der Tierhaltung in Deutschland. Wie sehen Sie die aktuelle Situation in Bezug auf die Bestandsgrößenreduktion? Wäre es bezüglich des Klimawandels nicht ein gutes Zeichen, die Tierhaltung in Deutschland zu reduzieren?

Aus meiner Sicht ist das nicht die richtige Frage. Oder mal anders: es lässt sich kein einfaches „Ja“ oder „Nein“ auf eine solch komplexe Fragestellung geben. Wir sollten uns stattdessen fragen, wie wir es schaffen, die Tierhaltung in Deutschland in einer Art und Weise zu transformieren, dass sie den Aspekten Nachhaltigkeit und Tierwohl ebenso standhält wie dem gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Und an dieser Stelle ist es mir ganz wichtig zu betonen, dass wir als GS einen ehrlichen und herausfordernden Transformationsprozess seitens der Landwirtschaft begleiten und unterstützen wollen – und auf der anderen Seite aber auch eine ehrliche und faire Bezahlung für Fleischprodukte seitens der Einzelhändler: innen und Verbraucher: innen einfordern. Ein pauschales Reduzieren der Tierbestände hingegen birgt aus meiner Sicht die Gefahr, dass qualitativ hochwertiges und nachhaltig produziertes Fleisch aus Deutschland durch nachweislich weniger klimafreundliche Fleischimporte aus dem (EU)Ausland ersetzt wird. Wir können gemeinsam und nachhaltig die Tierproduktion in Deutschland erhalten!

Sie sind im Vorstand des Global Feed LCA Institute. Was habe ich mir hier vorzustellen? Was ist das Aufgabengebiet? 

Das GFLI ist eine unabhängige non-profit Organisation der Futtermittelverbände mit dem Ziel, umweltfreundliche Fütterungskonzepte sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu propagieren. Ganz konkret werden dafür vom GFLI „Ökologische Inventardaten“ von Agrarrohwaren und Futtermittelspezialprodukten gesammelt und kostenfrei zur Verfügung gestellt. Diese Daten können dann für Umweltberechnungen von Produkten (sogenannte Lebenszyklusanalysen oder im englischen Life Cycle Analysis LCA) im Agrar- und Lebensmittelbereich genutzt werden. Als Mitglied des GFLI TMC (Technical Management Committee) versuche ich weltweit Verbände und Institutionen für eine Mitwirkung im GFLI zu gewinnen und eine entsprechende Konsistenz und Qualität der eingehenden Daten sicherzustellen. 

Das Global Feed LCA Institute (GFLI) soll Umweltdaten zu Futtermittelrohstoffen öffentlich zugänglich machen. Wie kann man sich dies vorstellen und woher stammen diese Daten? 

Die Daten stehen auf der Homepage des GFLI als kostenloser Download zur Verfügung (https://globalfeedlca.org/gfli-database/lcia-download/ und https://globalfeedlca.org/gfli-database/lifecycle-inventory-download/). Für Produkte wie z.B. Weizen und Mais aber auch Vitamine und Aminosäuren aus den unterschiedlichen Ländern gibt es dort Angaben zu den jeweiligen Umweltauswirkungen wie z.B. Landnutzung, Versauerung, CO2-Emissionen und dergleichen mehr (in Summe sind es 15 Umweltkategorien). Die Daten werden von wissenschaftlichen Institutionen aus unterschiedlichen Ländern bereitgestellt, und vor der Veröffentlichung in der GFLI Datenbank einer Qualitätskontrolle unterzogen, die ebenfalls den jeweiligen Datensätzen zu entnehmen ist (DQR = Data Quality Ratio). 

Wofür und von wem werden diese Umweltdaten genutzt?

Das ist unterschiedlich. Die Daten werden aber oftmals für Umweltberechnungen von Agrar- oder Lebensmittelprodukten genutzt, und zwar vom Saatgut über die Futtermittelproduktion bis hin zum fertigen Produkt wie Brot oder Fleisch. So gedenkt Lidl z.B. den sogenannten EcoScore für seine Produkte einzuführen und hat auch schon entsprechende Tests durchgeführt. Für diese Berechnungen sind „Ökologische Inventardaten“ für Agrarrohprodukte von Nöten. Im Frankreich wird eine Umweltkennzeichnung von Lebensmitteln ab 2023 Pflicht sein, und auch EU-seitig sind mittelfristig entsprechende Verordnungen geplant.

Was habe ich als Verbraucher: in von den öffentlich gemachten Umweltdaten?

Einerseits einen freien Zugang zu Umweltdaten von Agrarrohwaren und Futtermittelspezialprodukten. Und andererseits die Garantie, dass bei Berechnungen zum ökologischen Fußabdruck von Agrar- und Lebensmittelprodukten eine einheitliche Basis zur Verfügung steht, so dass nicht jedes Unternehmen mit eigenen Daten „hausieren“ geht und evtl. der Eindruck von Greenwashing entstehen könnte.

Was würden Sie den Verbraucher: innen raten, wenn es zu Versorgungsengpässen bestimmter Fleischprodukte kommen würde?

Ich persönlich glaube nach heutigem Wissensstand nicht, dass wir uns in Deutschland vor drastischen Versorgungsengpässen im Fleischbereich fürchten müssen. Wir müssen und sollten aber sicherlich kritisch hinterfragen, ob eine ständige Verfügbarkeit aller Fleischprodukte – insbesondere der Edelteile wie z.B. Filets – nötig und sinnvoll ist. Die anderen Teile des Tieres lassen sich auch verwerten und werden heutzutage oftmals entsorgt, da aktuell viele Exportkanäle aufgrund der ASP-Situation in Deutschland verschlossen sind. Daher ist auch der Export von Fleisch aus Deutschland und Europa ein sinnvoller Weg zur nachhaltigen Verwertung von Lebensmitteln. 

Vielen Dank für das Interview!

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