Interview

Wie sehen positive Erfahrungen bei Schweinen aus?

Dr. Katja Krugmann

Wie ein glückliches Schwein aussieht, ist bislang nicht definiert worden. Das Kieler Forschungsprojekt FeelGood unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Joachim Krieter hat sich in zwei verschiedenen Stallformen, einer konventionellen Stallsystem und einem Außenklimastall mit Stroheinstreu, die Emotionen von Schweinen genauer angeschaut. Frau Dr. Katja Krugmann hat dieses Projekt im Rahmen ihrer Doktorarbeit koordiniert und begleitet. Sie kann uns Antworten für unsere Fragen rund um das glückliche Schwein liefern.

In FeelGood beschäftigen Sie sich erstmalig mit den positiven Emotionen. Widmen wir uns zunächst den grundsätzlichen Dingen. Was bezeichnen wir grundsätzlich als Emotionen und dann was sind positive Emotionen?

Im Prinzip werden Emotionen als intensive, kurzlebige gefühlsbetonte Reaktionen auf Reize beschrieben, die mit bestimmten Körperveränderungen zusammenhängen. […] positive Emotionen sind vermutlich erfahrene, angenehme Emotionen wie Glück, während unangenehme Emotionen wie Angst, Schmerz oder Leiden einen negativeren emotionalen Zustand von Tieren beschreiben.

Kann man erkennen, dass ein Tier sich wohlfühlt?

Ein Tier, z.B. ein Schwein, welches sich wohlfühlt und dementsprechend vermehrt positive Emotionen erlebt, wird zunächst keine Krankheitssymptome oder Abweichungen vom Normalverhalten zeigen. Zudem wird es vermutlich aktiver sein und z.B. abhängig von seinem Alter mehr Spielverhalten zeigen, als ein Schwein mit negativerem Emotionszustand. Spielverhalten gilt als ein „Luxusverhalten“, welches nur dann auftritt, wenn die Grundbedürfnisse der Tiere gedeckt sind und sie sich „gut fühlen“.

Dementsprechend würde bei Schweinegruppen mit negativen Gemütszuständen – welche z.B. bei erlebtem Stress auftreten können – vermutlich eher unerwünschte, negative Verhaltensweisen wie das sogenannte Schwanzbeißen auftreten. Zudem können die körpersprachlichen Signale wie z.B. die Schwanzhaltungen Auskunft über das Wohlergehen der Schweine geben, da z.B. zwischen den Hinterbeinen eingeklemmte Schwänze für negative und geringelte Schwänze für positiv erlebte Emotionen bekannt sind.

Lassen sich diese an bestimmten Körperteilen erfassen oder eher an der gesamten Körperhaltung/Mimik?

Positive Emotionen können an bestimmten Körperteilen, wie z.B. geringelten Schwänzen, erkannt werden – da diese vermehrt in erlebten angenehmen Situationen wie z.B. der Futteraufnahme beobachtet wurden. Natürlich muss die gesamte Körperhaltung betrachtet werden, da beispielsweise ein schlafendes Schwein auch einen entspannten herunterhängenden Schwanz zeigen kann.

Warum ist es wichtig, dass positive Emotionen erfasst werden?

Dies ist wichtig, da positive Emotionen eine grundlegende  Komponente des gesamten Themenkomplexes Tierwohl darstellen. Sie sind zudem Bestandteil der Forderung der Verbrauchenden nach höheren Tierwohlstandards. Diese beinhalten z.B., dass gerade den landwirtschaftlichen Nutztieren ein „gutes Leben“ mit erlebten positiven Emotionen und nicht nur ein „nicht so schlechtes Leben“ ermöglicht wird.

Sie beschreiben, dass Sie in FeelGood Tiere aus reizarmen und reizvolleren Umgebungen beobachtet haben. Wie habe ich mir diese vorzustellen?

Die reizarme Haltungsumgebung stellte einen konventionellen Maststall dar, in dem die Schweine auf Spaltenboden ohne zusätzliche Reize, wie z.B. Wühlmaterial oder Außenklima gehalten wurden. Die reizvollere Haltungsumgebung bestand aus stroheingestreuten Mastställen mit Außenklimareizen und Ausläufen, teilweise auch mit Erdboden zum Wühlen. 

Sie beschreiben in Ihrer Arbeit, dass die Tiere in einer reizvolleren Haltung ein vermehrtes Spielverhalten und mehr geringelte Schwänze gezeigt haben. Warum?

Das mäßiger ausgeprägte Beschäftigungsbedürfnis, das vermehrte Auftreten von Spielverhalten und die geringelten Schwänzen der Schweine, der reizvolleren Haltungsumgebung, kann durch die vielen Möglichkeiten zur Auslebung natürlicher Verhaltensweisen (z.B. Ausläufe, Stroheinstreu oder Wühlbereiche mit Erdboden) entstehen. Hierdurch wird das Erleben von positiven Emotionen dieser Tiere gefördert, welche dementsprechend durch die Beurteilung dieser Indikatoren erfasst werden können. Zudem wurden in vorheriger Literatur reizvolleren Haltungsumgebungen positive Tierwohleigenschaften zugeschrieben.

In der Literatur wird beschrieben, dass Spielverhalten nur dann auftritt, wenn die Grundbedürfnisse der Tiere erfüllt sind. Darüber hinaus werden auch geringelte Schwänze vornehmlich in positiven Situationen, wie z.B. der Futteraufnahme beobachtet. Daraus wurde das Auftreten in der reizvolleren Haltungsumgebung als aussagekräftiger Indikator eines eher positiven emotionalen Zustands interpretiert.

Werden die Ergebnisse aus FeelGood in anderen Projekten weiterverwendet?

Die Ergebnisse des Projektes FeelGood bieten eine wertvolle Grundlage für weiterführende Forschungsarbeiten. Insbesondere im Bereich der zuverlässigen Erfassung des positiven emotionalen Zustandes von Mastschweinen und weiteren landwirtschaftlichen Nutztieren. Diese Erkenntnisse werden in anschließenden Projekten genutzt, um weitere, insbesondere physiologische Indikatoren hinsichtlich einer zuverlässigen Identifizierung des positiven emotionalen Zustandes zu untersuchen. Zudem leisten die Ergebnisse des Projektes einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bewertung von Tierwohl und Tiergerechtheit in Mastschweinehaltungen. Sie dienen als Vorreiter für die Übertragung der Indikatoren auf andere Tierarten.