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Interview

Versorgungsengpässe der deutschen Fleischproduktion

Harm Böckmann, Brand Qualitätsfleisch GmbH & Co KG

Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe verzeichnet in den letzten Jahren einen stetigen Rückgang. Zusätzlich fallen die Beschäftigungszahlen im primären Wirtschaftssektor, zu dem neben der Fischerei und dem Forst auch die Landwirtschaft gehört. Durch den Rückgang der Betriebe wird weniger Vieh geschlachtet. 

Wir sprechen mit Harm Böckmann, dem Wurstnerd von der Brand Qualitätsfleisch GmbH & Co KG, über den Mythos: “Dass Deutschland aufgrund seiner eigenen Fleischproduktion nicht von Engpässen betroffen sein wird”.

Herr Böckmann, Sie arbeiten bei einem deutschen Schlachtunternehmen und hatten ein Startup, indem Sie Wurst verkauften. Sie haben am eigenen Leib erfahren, dass in Deutschland Preis vor Qualität geht, und mussten Ihr Startup aufgegeben. Ist das richtig?

Die Qualität von nahezu allem Fleisch in Deutschland ist sehr hoch. Auch wenn man dies in der öffentlichen Wahrnehmung oft anders hört: Die Qualität bei Fleisch aus den Haltungsstufen 1 und 2 ist sehr hoch. Es geht also nicht „Preis vor Qualität“, sondern eher „höchste Qualität zum möglichst besten Preis“. Mein StartUp ist in einer Zeit gestartet, wo es noch keine Haltungsstufen gab und viele Verbraucher beim Thema Tierwohl noch sehr unsicher waren – entsprechend musste ich leider irgendwann sagen: Davon kann ich nicht leben. Heute sähe das eventuell schon wieder anders aus. Der Verbraucher ist aufgeklärter und kauft gezielter ein. 

Wie würden Sie die Fleischversorgung in Deutschland einschätzen. Müssen wir Angst vor Versorgungsengpässen haben?

Nein, das müssen wir nicht. Die Versorgungslage ist aktuell noch mehr als gut. Es kann sein, dass z.B. Filet vor Weihnachten mal knapp (und/oder teurer) wird oder das Nackensteak im Sommer. Wir essen nämlich nicht das ganze Schwein, sondern nur gewisse Teile (die Edelteile). Ohne Import könnten also diese besonderen Teile mal knapp werden. Die Lösung: Man muss dann halt mal wieder andere Rezepte mit Bauch, Zunge und Pfote kochen. 

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für mögliche Engpässe in der Fleischversorgung? (Ist es dem Ukraine Krieg, dem Preisbewusstsein der Bürger oder der Politik anzulasten, dass viele Betriebe aufgehört haben?)

Es ist denkbar, dass aufgrund der aktuell hohen Futterkosten Landwirte den Stall einige Zeit leer stehen lassen. Das würde dann dazu führen, dass die Menge des Fleisches insgesamt weniger wird, bzw. Fleisch teurer wird. Zusätzlich kommt noch der „normale“ Strukturwandel hinzu, also Betriebe stellen die Arbeit ganz ein, weil z.B. ein Nachfolger oder die wirtschaftliche Perspektive fehlt. Ganz generell und auch im Speziellen in dieser Krisensituation wird Fleisch also deutlich weniger in Deutschland. Gleichzeitig geht aber auch der Konsum von Fleisch merklich zurück. Diese beiden Effekte scheinen sich aktuell auszugleichen.

Wie hängen Versorgungsengpässe eigentlich mit Preissteigerungen zusammen? 

Denken wir einmal ein wenig hypothetisch. Was würden Sie dem/der Verbraucher: in raten, wenn es zu Versorgungsengpässen bestimmter Fleischprodukte kommen würde?

Ich denke nicht, dass der Verbraucher mit Versorgungsengpässen rechnen muss. Wenn es dennoch zu Versorgungsengpässen kommt, oder das vorhandene Fleisch deswegen teurer wird, sollte der Verbraucher einfach weniger Fleisch essen. Es wird immer noch viel Fleisch weggeschmissen und generell auch nicht genug wertgeschätzt. Weniger Fleisch, dafür hochwertiger ist hier der richtige Ansatz meiner Meinung nach! 

Der Fleischkonsum in Deutschland geht zurück, warum also Bedenken wegen Versorgungsengpässen haben. Was bedeutet das für die Bevölkerung?

Die Bevölkerung darf und sollte gerne weniger Fleisch essen. Wenn es nach mir geht, wird weniger Fleisch gegessen, dafür dann aber hochwertiges Fleisch.

Zum Schluss möchte ich noch einmal mit Ihnen auf den Klimawandel eingehen. Denn dieser ist in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion ebenfalls von großer Relevanz. Wäre es bezüglich des Klimawandels sinnvoll die Tierhaltung in Deutschland zu reduzieren?

Fleisch essen bedeutet nicht immer gleichzeitig „schlecht-fürs-Klima“. Fleisch aus regionalen, geschlossenen Wertschöpfungsketten ist ganz im Gegenteil sogar eher ein Beitrag zum guten Klima. z.B.: In Supermärkten wird jeden Tag tonnenweise Brot weggeschmissen. Dieses Brot kann wunderbar in der Schweinemast eingesetzt werden. Die aus den Schweinen entstehende Gülle kann dann wiederum auf dem Acker chemischen Kunstdünger ersetzen. (Achtung: Starke Vereinfachung!) 

Theoretisch ist weniger Fleisch gut fürs Klima, das gilt insbesondere für unsinnige und ineffiziente Fleischproduktion (z.B. Futter größtenteils aus Übersee). Die Realität ist aber deutlich komplexer: Gut strukturierte, regionale und geschlossene Produktionsketten ermöglichen eine Fleischproduktion, die auch im Angesicht des Klimaschutzes Bestand hat! 


Vielen Dank für das Interview!

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