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Interview

Die Ursachen der aktuellen Preiserhöhungen bei Lebensmitteln

Preiserhöhungen bei Lebensmitteln Martin Parlasca
Dr. Martin Parlasca

Die deutsche Landwirtschaft und die nachgelagerten Bereiche sind nicht nur an den Treibhausgasen beteiligt. Sie sind auch Teil der Lösung, wie diese minimiert werden können. Große Diskussionspunkte, wenn es um Klimaneutralität geht, sind die Tierhaltung und der Fleischkonsum. Der Ukraine-Krieg und die damit einhergehenden Lieferengpässe sorgen aktuell für Preiserhöhungen bei Lebensmitteln.

Über weitere Gründe für Preiserhöhungen und mögliche Lösungsansätze sprechen wir mit Herrn Dr. Martin Parlasca. Herr Parlasca ist Senior Researcher des Center for Development Research of Bonn.

Herr Parlasca, Preiserhöhungen bei Lebensmitteln werden immer sichtbarerer. In Supermärkten können Verbraucher: innen es an den Schildern erkennen, aber auch die Medien berichten darüber. Was sind Gründe dafür?

Die deutlichen Preiserhöhungen bei Lebensmitteln, die wir aktuell beobachten können, entstehen durch die Verkettung mehrerer Einflüsse. An erster Stelle hat der russische Einmarsch in die Ukraine die globalen Nahrungsmittelmärkte schwer getroffen. Das liegt einerseits daran, dass Russland und die Ukraine wichtige Exporteure von Weizen und Ölsaaten darstellen und andererseits daran, dass Russland und Weißrussland in der Vergangenheit global entscheidende Exporteure von Düngemittel waren. Die Lebensmittelpreise sind jedoch auch bereits vor Ausbruch des Krieges deutlich angestiegen. Hier spüren wir noch die Folgen verschiedener Eindämmungsmaßnahmen im Rahmen der Covid-19 Pandemie, aber auch die Auswirkung von extremen Wetterereignissen, wie zum Beispiel ein deutlicher Regenmangel in Südamerika vor zwei Jahren 2020. Hinzu kommt, dass die globale Nachfrage nach Lebensmitteln kontinuierlich steigt und dass landwirtschaftliche Produktion durch ebenfalls gestiegene Energie- und Transportkosten teurer geworden ist. Diese Kosten spiegeln sich dann an der Ladentheke wider. 

Welche Folgen ziehen diese Preiserhöhungen dann nach sich?

Je nach Einkommen haben die Preiserhöhungen unterschiedlich starke individuelle Konsequenzen. Laut einer internationalen Studie aus dem letzten Jahr konnten sich bereits vor den starken Preiserhöhungen bei Lebensmitteln in diesem Jahr weltweit mehr als 3 Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten. Diese inakzeptable Situation verschärft sich weiter und rückt somit eine gesunde Ernährung für viele Menschen in weitere Ferne. Auch in Deutschland sind die Preiserhöhungen eine ernstzunehmende ökonomische Belastung vor allem für all die Menschen, die einen Großteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen.

Ihr Institut fordert weniger Biosprit und geringeren Fleischkonsum, ist das korrekt?

Wo liegen die Gründe für diese Empfehlungen und was haben jene mit den Preiserhöhungen bei Lebensmitteln zu tun?

Unsere Forderung den Fleischkonsum in wohlhabenden Ländern drastisch zu reduzieren, beruht in erster Linie auf ökologischen, sozialen und zum Teil auch gesundheitlichen Gründen. Sie ist daher zunächst nicht eine direkte Folge der Lebensmittelpreiserhöhungen. Dennoch unterstreicht die aktuelle Situation die Notwendigkeit kritisch zu hinterfragen wie viel von den für den Menschen essbaren Lebensmitteln tatsächlich uns Menschen als Nahrung direkt zur Verfügung steht, und wie viel wir an Tiere verfüttern oder zur Herstellung von Biosprit verwenden. Zwar gibt es durchaus Agrarflächen, auf denen die Produktion von Fleisch und Milchproduktion Ressourcen schont und effizient sein kann, jedoch dient eine beträchtliche Fläche, die zur Produktion von Brotgetreide genutzt werden könnte, nicht der Herstellung von dringend benötigten Nahrungsmitteln. 

Es gab bereits Versuche, mit dem politischen Veggieday den Fleischkonsum zu reduzieren, dies ist gescheitert. Mit welchem Satz würden Sie die Menschen davon überzeugen, weniger Fleisch zu essen?

Die Kosten, die wir durch den Konsum von Fleisch für die Gesellschaft erzeugen, sind deutlich höher als der Preis, den wir an der Ladentheke bezahlen. Uns muss daher klar sein, dass Fleischkonsum immer auch auf die Kosten anderer Menschen und der Umwelt geht. Den Preis für unseren heutigen Genuss zahlen dann zum Teil Menschen in anderen Ländern und zum Teil die uns nachfolgenden Generationen.

Wenn man über Angebot und Nachfrage nachdenkt, geht man davon aus, dass sich der Preis passend einstellt. Warum scheint der Markt sich im Moment nicht selbst zu regulieren?

Die hohen Lebensmittelpreise sind zu großem Teil darauf zurückzuführen, dass einer steigenden Nachfrage durch das Bevölkerungswachstum und wachsender Kaufkraft gleichzeitig ein Angebot gegenübersteht, dass durch Kriege, Covid-19 Pandemie und Klimakrise deutlich reduziert wurde. Die hohen Preise sind also ein Ergebnis der Selbstregulierung von Lebensmittelmärkten. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass auch übermäßige Preisspekulationen an der Börse zu den Preiserhöhungen beitragen. An dieser Stelle könnte es also sinnvoll sein politisch einzugreifen. Manche Länder haben außerdem durch Restriktionen von Lebensmittelexporten auf die hohen Lebensmittelpreise reagiert. Global betrachtet richten diese Restriktionen jedoch große Schäden an, da Preise für Menschen in Import-abhängigen Ländern dadurch nur noch stärker ansteigen. Das kann also keine Antwort auf eine derart globale Herausforderung sein. 

Was muss geschehen, damit die Preise wieder sinken? Ist dies sinnvoll und möglich?

Das größte Potential für kurzfristige Verbesserungen besteht darin die Biosprit-Beimischung zu senken, Vorschriften zu Fruchtfolgewechseln zu verschieben oder der Nutzung von ökologischen Vorrangflächen für Nahrungsmittelproduktion freizugeben. Zum Teil ist das auch schon geschehen. Dies ist in Anbetracht der Ernsthaftigkeit der Situation vertretbar und sinnvoll. Jedoch dürfen wir nicht dabei stehen bleiben nur kurzfristige Lösungen für diese akute Nahrungsmittelkrise anzugehen, sondern wir müssen an einer ernsthaften Transformation der Landwirtschaft und des globalen Nahrungsmittelsystems arbeiten, um die tatsächlichen Ursachen für diese und zukünftige Krisen zu bekämpfen.

Was kann jeder Einzelne tun, um mit den höheren Preisen umzugehen?

Es ist schwierig hier allgemeingültige Ratschläge zu geben, da sich die Stellschrauben je nach Konsumverhalten unterscheiden. Eine Win-Win Situation für Umwelt und Haushaltskasse ergibt sich jedoch immer, wenn Lebensmittelverschwendung reduziert wird. Im Schnitt wird in Deutschland jährlich ein Warenwert von ca. 234€ pro Person weggeworfen. Da ist also durchaus Potential. Eine vermehrte Ausrichtung der Ernährung auf billige Kalorien, also Lebensmittel die hauptsächlich auf Getreide oder Fetten beruhen, sollte aber vermieden werden, da diese Produkte oftmals nur wenig Mikronährstoffe enthalten. Viel Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte möglichst günstig einzukaufen, diese Produkte aber gleichzeitig nicht in der Tonne landen zu lassen ist daher eine gute Strategie um Portemonnaie, Gesundheit, und Umwelt zu schonen.

Zum Schluss möchte ich noch einmal mit Ihnen auf den Klimawandel eingehen. Denn dieser ist in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion ebenfalls von großer Relevanz. Wäre es bezüglich des Klimawandels sinnvoll die Tierhaltung in Deutschland zu reduzieren? 

Es ist richtig, dass wir Deutschen deutlich zu viel Fleisch konsumieren und zu wenig Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte. Eine Entwicklung hin zu einer Landwirtschaft, die Flächen nicht primär für die Produktion von Tierfutter verwendet, wenn dort ressourcen-effizienter menschlicher Nahrungsmittel hergestellt werden können, ist daher sinnvoll. Dies würde nicht zu einem kompletten Stopp der Produktion von tierischen Nahrungsmitteln führen, aber natürlich trotzdem eine deutliche Reduktion der Tierbestände im Vergleich zum status quo bedeuten. 

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zu dem Thema „Ursachen der aktuellen Preiserhöhungen bei Lebensmitteln“ finden Sie unter dem Link: https://www.annualreviews.org/doi/10.1146/annurev-resource-111820-032340

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