Die Haltung hinter dem Tierwohllabel

Der Wunsch nach mehr Tierwohl ist – wie wir festgestellt haben – allgegenwärtig und alle Beteiligten der Wertschöpfungskette Fleisch beschäftigen sich mit diesem multifaktoriellen Thema. In unserem ersten Report konnten wir von LAND.SCHAFFT.WERTE. einen allgemeinen Überblick geben, was sich hinter Tierwohl verbirgt. In unserem zweiten Report gehen wir der Frage hinterher, welche Haltungssysteme sich hinter dem Tierwohllabel verbergen.

Warum gibt es Label?

Die Reputation, sprich das Ansehen, der Fleischwirtschaft ist denkbar schlecht. Hierfür existieren verschiedene Gründe. Von den Fleischskandalen über die in die Diskussion gekommenen Haltungsbedingungen der Tiere. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten von der Landwirtschaft, und damit einhergehend der Fleischbranche, entfremdet hat.
Das steigende gesellschaftliche Interesse an den Haltungssystemen der deutschen landwirtschaftlichen Tiere hat zu einem Anstieg der medialen und politischen Aktivitäten geführt. Eine logische Konsequenz aus dieser anhaltenden Diskussion war die Einführung der Tierwohllabel. Mit dem Tierwohllabel ist dem interessierten Verbrauchenden ein Wegweiser an die Hand gegeben worden, wie er schnell und unkompliziert bei seinem Einkauf Lebensmittel tierischen Ursprungs mit erhöhtem Tierwohlstandard erkennen kann.

Welchen Einfluss hat die Zucht auf das Tierwohl?

Bevor wir uns mit unserem eigentlichen Thema der Haltung hinter dem Tierwohllabel widmen, machen wir einen kleinen Diskurs in die Bereiche der Zucht und der Fütterung. Jede*r sieht auf den ersten oder auf zweiten Blick einen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Haltungssystemen und dem Tierwohl. Sei es das Beschäftigungsmaterial, welches sichtbar in den Buchten ist oder der Außenklimareiz. Doch wie steht es um die Zucht oder die Fütterung?

Die Tierzüchtung ist ein nicht unerheblicher Part der Lösung zu mehr Tierwohl in den aktuellen Tierbeständen. In den letzten Jahren hat sich das Augenmerk der Züchter*innen mehr auf die Gesundheits- und Fitnessmerkmale verlagert. Zu beachten ist, dass es sich bei den züchterischen Aktivitäten immer um Ansätze handelt, die die gesamte Population betreffen und nicht nur das einzelne Tier.  Geduld ist hier gefragt, denn es kann einige Generationen dauern, bis sich das erhoffte, züchterische Ziel einstellt.
Eine wichtiges Themenfeld bei der Steigerung des Tierwohls durch die Züchtung sind die Identifizierung und Beseitigung von Erbfehlern. Mithilfe von genetischen Informationen konnten in den letzten Jahren viele bedeutende Erbkrankheiten wie z.B. Spreizbeinigkeit oder Binnenhodigkeit beim Schwein sowie Spinnengliedrigkeit oder das Bulldog-Syndrom beim Rind in den Populationen analysiert werden. Mittels sogenannter genetischer Tests lassen sich Träger dieser Erbfehler frühzeitig erkennen und können von der Zucht ausgeschlossen werden.

Kann man Tierwohl füttern?

Die Fütterung hat zunächst eine bedarfsgerechte Versorgung zum Ziel, d. h. jedes Tier braucht seine nötige Menge an Energie und Eiweiß, an Mineralstoffen und Vitaminen. Aber dies allein sichert noch kein Wohlbefinden. So haben Tiere auch „Bedürfnisse“, und nicht nur einen „Bedarf“. Tiere wollen beispielsweise mit der Futteraufnahme beschäftigt sein, wollen ihre Umgebung erkunden, streben evtl. scharrende/wühlende Aktivitäten an – oder Jungtiere haben ein Bedürfnis nach „saugender“ Aktivität, welches „gestillt“ werden will.
Das Wohlergehen der Tiere und ihre Fütterung stehen in einem direkten Zusammenhang. Grund hierfür ist, dass die Gesundheit des Verdauungsapparates, die damit einhergehende funktionierende Verdauung und ein stabiler Stoffwechsel die Stützpfeiler des Tierwohls sind. Laut bayerischen Forschungsergebnissen laufen ca. 70 Prozent der Immunreaktionen im Verdauungssystem ab, sodass sich hieraus erschließt, dass eine ständige Belastung der Verdauung umgehend negative Auswirkungen auf das Wohlergehen des Tieres hat. Mittels z.B. einer faserreichen Fütterung (u.a. auch als Beschäftigungsmaterial wie Stroh oder faserreiche Ergänzungsfuttermittel) konnte in einem Fütterungsversuch der LFL Grub beobachtet werden, dass sich das Tierwohl deutlich verbesserte. Nicht zu vergessen ist, dass eine Reduktion des Arzneimitteleinsatzes durch diese Fütterungsansätze erreicht werden kann. Dies führt ebenfalls zu einer Tierwohlsteigerung. 

Tierwohl dank Digitalisierung und technischer Innovationen

Von der Fütterung ist es ein kleiner Sprung in den Bereich der Haltung. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan, wenn es um Digitalisierung und technische Neuentwicklungen geht. Im Bereich der Wissenschaft ist das Forschungsprojekt DigiSchwein ein Beispiel, welches sich mit Tierwohlsteigerung durch digitale Unterstützung in Form eines Frühwarnsystems  beschäftigt. Mit dieser Software, die sich aktuell noch in der Entwicklung befindet, sollen die Bereiche Technik/Sensorik, Krankheitsfrüherkennung, Schweinehaltung von unkupierten Tieren, Geburtsmanagement und die sich aus der Schweinehaltung ergebenden Nährstoffströme erfasst werden. Praxistaugliche Ergebnisse sind im Jahr 2023 zu erwarten.
Ebenfalls gestartet ist im Jahr 2020 ein Gemeinschaftsprojekt, welches sich mit der Umsetzung eines Nationalen Tierwohlmonitoringsystems in Deutschland beschäftigt. Das Kieler Forschungsprojekt FeelGood liefert in diesem Projekt die Grundlagen für die Tierwohldimension Emotionen. Neben diesem werden die Bereiche Haltung, Transport und Schlachtung unter Tierwohlaspekten untersucht und spätere Handlungsempfehlungen formuliert. Die dort verwendeten Indikatoren zur Tiergerechtheit/Tierwohl basieren auf Ergebnissen des Forschungsvorhabens INMATI (Analyse und Weiterentwicklung von Indikatoren zu Tiergerechtheit und Tierwohl in der Mastschweinehaltung). Anhand von Analysen in Praxisbetrieben konnten hier Tierwohlindikatoren u.a. aus dem Kriterienkatalog der „Initiative Tierwohl“ aufgenommen und  weiterentwickelt werden.

Interview: Stall der Zukunft – Wie sieht Tierwohl im Bereich der Haltung aus?

Bernd Meerpohl, Vorstandsvorsitzender Big Dutchman Vechta

In den vorherigen Passagen wurde die Tierhaltung immer wieder erwähnt, sodass wir uns einmal genau anschauen, welche Lösungsansätze die Stallbauer für ein „Mehr an Tierwohl“ entwickelt haben. Wir haben dazu den Big Dutchman-Vorstandsvorsitzenden Bernd Meerpohl befragt.

Herr Meerpohl, was verstehen Sie eigentlich unter dem „Stall der Zukunft“ im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Tierwohldebatte?

Ein Großteil der heutigen Gesellschaft möchte das Wohl landwirtschaftlicher Nutztiere besser geschützt wissen. In Bezug auf die Schweinehaltung geht es den Bürgern*innen dabei laut Umfragen vor allem um das Platzangebot, die Bodenbeschaffenheit, Licht- und Klimaverhältnisse – möglichst mit Außenklimareizen – sowie um Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere.

Gibt es eigentlich DEN Stall der Zukunft?

Es gibt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Konzepten, denn es geht um Ferkel oder Mastschweine oder Sauen. Und die haben jeweils durchaus unterschiedliche Bedürfnisse. In allen Konzepten sind aber Gemeinsamkeiten wiederzufinden. Die wesentlichen Säulen sind: Transparenz schaffen, Einstreu ermöglichen, Tiere in Gruppen halten und ein großzügiges Platzangebot mit Wahlmöglichkeiten darstellen. Der Außenklimareiz wird in einigen Konzepten ebenfalls berücksichtigt. Vielfach ist der Ringelschwanz am Schwein dargestellt.

Herr Meerpohl, wie sollte ihrer Meinung nach der optimale Tierwohlstall aussehen?

Alle Konzepte und Techniken sollten das Ziel haben, den Ringelschwanz zu erhalten und ressourcenschonender zu arbeiten. Wir wissen heute, dass Tierhalter*innen einiges dafür tun können, Schweine unversehrt mit einem langen Schwanz aufzuziehen, jedoch müssen dazu die Raumgestaltung, klimatischen Bedingungen, die Fütterung und das Management in einem guten Einklang sein. Dies spiegelt sich auch in den Stallsystemen der Zukunft wider. Sie orientieren sich an der Lebensweise der Wildschweine einerseits als auch an effizienten Managementstrategien der heutigen Schweinehaltung.

Das Anbieten von Wühlmaterialien als auch gute klimatische Bedingungen sollen den Aufenthalt in der Natur „simulieren“. Gleichzeitig dürfen wir jedoch nicht den Nachhaltigkeitsaspekt vernachlässigen. Dies bedeutet, dass wir weiterhin energiesparende Klimasysteme benötigen und Fütterungstechniken haben müssen, die eine hohe tägliche Zunahme bei gleichzeitig verminderten Nährstoffverlusten gewährleisten.

Welche Herausforderungen müssen bewältigt werden, bis ein Tierwohlstall in die Praxis überführt wird?

Die Herausforderungen sind komplex und gehen über die Änderungen von einzelnen Komponenten hinaus: Stallhüllenbau, Entmistungstechnik, Einstreutechnik, Fütterungstechnik, Klimaführung und Arbeitsergonomie und -wirtschaftlichkeit müssen berücksichtigt werden. Am Ende können diese Konzepte nur bewertet werden, wenn in der Praxis mit und in diesen Ställen gearbeitet wurde: Es müssen Schweine in den „Ställen der Zukunft“ leben und Tierhalter*innen darin arbeiten. Sind Konzepte sehr nah an der heutigen Praxis können die neuen Ideen gut erprobt werden und erste Rückschlüsse können recht schnell gezogen werden: z.B. beim Einsatz von geschlossenen Liegeflächen oder erhöhten Ebenen. Sind die neuen Konzepte sehr komplex, so gibt am Ende nur ein neuer Stall oder eine komplette Umgestaltung eines Abteiles Rückschluss über die Erfolgsfaktoren. Das erfordert hohe Investitionen und braucht Zeit.

In beiden Fällen lassen sich die Erfolgsfaktoren der Zukunft weiterhin an den klassischen Erfolgsparametern Tierverluste, tägliche Zunahmen, Futterverwertung und Arbeitszeit messen. Neu hinzukommen werden die Faktoren „Ringelschwanztauglichkeit“ und
„Ressourcenschonung“ sowie Betriebssicherheit.

Wie reagieren Sie als Unternehmen auf die geänderten Anforderungen?

Wir arbeiten seit geraumer Zeit mit Hochdruck an vielen Tierwohl-Fronten. Grundsätzlich wird bei uns keine Produktentwicklung mehr neu gestartet, wenn sie am Ende nicht auf ein verbessertes Tierwohl einzahlt. Wir haben viele Ideen und auch schon eine komplette, praxiserprobte Produktlinie mit denen moderne Landwirte*innen das Tierwohl in den Vordergrund stellen, Emissionen verringern und Energie sparen können. Wir bieten Know-how und Equipment zur Erfüllung sämtlicher Tierwohl-Kriterien. Schade nur, dass die Landwirte*innen, die ihre Betriebe weiterentwickeln wollen, vielfach durch verschiedene Hürden ausgebremst werden. Bislang können unsere Kunden*innen, die ein Mehr an Tierwohl umsetzen wollen, kaum mit Stallumbauten beginnen, weil es dafür aufgrund der Gesetzeslage nur schwer oder gar keine Genehmigung gibt. Ein Unding!

Wenn wir wollen, dass die Nutztierhaltung im Land bleibt, brauchen wir dauerhafte Planungs- und Investitionssicherheit für die Landwirte und eine faire Bezahlung des gesellschaftlich erwünschten Mehraufwandes für mehr Tierwohl.

Ich denke, in den Empfehlungen der Borchert-Kommission finden sich dafür viele gute Ansätze.

In der öffentlichen Diskussion fällt immer wieder der Begriff des Zielkonfliktes, wenn wir von Tierwohl sprechen. Was bedeutet dies, wenn wir von einem Tierwohlstall sprechen?

Tierwohl, Tiergesundheit und Umweltschutz können an verschiedenen Stellen miteinander im Konflikt stehen. Ein Stall mit Auslauf für die Schweine beispielsweise gilt als sehr tiergerecht, es gelangen dadurch aber Emissionen in die Umwelt, die im zwangsbelüfteten Strohstall abgefiltert werden könnten. Der Konflikt ist also: Kann man den Außenklimareiz = das Tierwohl über den Emissionseintrag in die Umwelt stellen?

Manchmal behindern sich der Nachhaltigkeits- und der Tierwohlgedanke. Und das Tierwohl wird nicht überall Vorrang vor dem Emissionsschutz haben. Aber es gibt im Hinblick auf den geschilderten Zielkonflikt bereits Lösungen, die die Emissionen durch die Form der Haltung und durch technische Einbauten im Stall schon senken. Bei diesen Konzepten gewinnen sowohl die Schweine als auch die Betreiber, denn die Stallluft hat eine bessere Qualität.

Was ist Ihrer Meinung nach der „Stall der Zukunft“?

In Zeiten wachsender Anforderungen an Tierwohl, Biosicherheit, Umweltschutz und im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit, nachhaltig und ressourcenschonend zu agieren, ist es eine große Herausforderung, den Stall der Zukunft so zu gestalten, dass wir eine politisch und gesellschaftlich anerkannte Legitimation für die Tierhaltung bekommen und somit weiterhin unseren Beitrag zur Humanernährung leisten zu können.

Der Stall der Zukunft wird kein Retro-Stall sein. Digitalisierung, Sensorik und Robotik wird eine entscheidende Rolle spielen. Der Stall der Zukunft wird Technik und Elektronik enthalten, die den Tierhalter in Entscheidungen unterstützen und Arbeiten effizienter gestalten. Dies kommt dann ebenfalls dem Schwein zugute, weil der/die Landwirt*in sich auf die wesentlichen Probleme konzentrieren kann, wenn alle anderen Prozesse im Fluss sind. Entscheidungen können viel besser und gezielter sowie datengestützt getroffen werden. Rückwirkend können Auswertungen helfen, die Entscheidungen zu reflektieren und im nächsten Durchgang bessere Entscheidungen zu treffen.

Tierhaltungsformen in Siegel verpackt

Jeder hat sie schon einmal in den SB-Fleischtheken gesehen – die Siegel zur Haltungsform. Was es damit auf sich hat, haben wir in unseren Glori-goes-Reports  gezeigt und gehen erneut an dieser Stelle näher darauf ein.
Fakt ist, dass sich immer mehr Verbraucher*innen, um genau zu sein, 88 Prozent laut dem BMEL-Ernährungsreport 2021, dafür interessieren, wie die Tiere gelebt haben, bevor sie geschlachtet wurden. So verwundert es auch nicht, dass 59 Prozent der Befragten*innen erwarten, dass Tiere artgerecht gehalten werden und bereit sind, für mehr Tierwohl zu bezahlen (bis zu 15 Euro mehr pro Kilo Fleisch geben 42 Prozent der Befragten*innen an).
Die Ergebnisse einer forsa-Umfrage aus dem Jahr 2020 zeigen geringe Unterschiede bei der Altersstruktur. Deutlichere Unterschiede hingegen wiesen die Ergebnisse von Befragten*innen auf, die unterschiedlichen Geschlechtern angehörten oder ob sie Kinder in ihrem Haushalten hatten. Interessant ist auch, dass die Hälfte der Befragten*innen diese Tierwohl-Produkte sehr häufig (21 Prozent) oder häufig (45 Prozent) kaufen.
Eine wissenschaftliche Studie der Hochschule Osnabrück konnte zeigen, dass nur 16 Prozent der getesteten Verbrauchenden Bereitschaft zeigten, mehr für Tierwohlprodukte zu zahlen. Es konnte festgestellt werden, dass die Kaufbereitschaft für Tierwohlprodukte eng mit den unterschiedlichen Niveaus der Preiszuschläge zusammenhängt. Befinden sich die Preiserhöhungen zwischen 9 und 13 Prozent je nach Basispreis der betrachteten Produkte, wurden diese von den Verbrauchenden ausgewählt. Handelte es sich allerdings um deutlich höhere Preisaufschläge gingen die Absätze deutlich zurück.

Fleischlabel – wichtiger denn je

Bevor wir uns in einem späteren Report dem Thema Fleischpreis widmen, klären wir ab,  woran Konsumenten*innen erkennen, dass sie ein Produkt aus dem Haltungsform-Programm in den Händen halten.

Im Jahr 2019 startete die Brancheninitiative Haltungsform mit einer einheitlichen Fleischkennzeichnung. Diese ermöglicht es, auf einen Blick zu erkennen, wie das Tierwohl-Niveau der jeweiligen Tierhaltung ist, aus der das Produkt stammt. Die Siegel finden Kunden*innen in den SB-Theken, teilweise wird bereits an den Bedientheken ein Angebot geschaffen. In dem 4-Stufen-System wird das jeweilige Tierwohl-Label aller deutschen Anbieter wie z.B. Initiative Tierwohl, Neuland oder die Initiative Aktivstall einsortiert und mit der entsprechenden Stufen-Zahl von 1 bis 4 gekennzeichnet. 

Was verbirgt sich hinter den einzelnen Zahlen?

Die Stufe 1 heißt „Stallhaltung“. Das Siegel ist durch rote Farbe gekennzeichnet. Die Kriterien entsprechen den gesetzlichen Mindestanforderungen, gehen aber teilweise, wie im Bereich Fütterung und Tiergesundheitsmonitoring, über diese hinaus. In diese Stufe werden die Produkte mit den QS-Prüfzeichen einsortiert.

Die Stufe 2 heißt „Stallhaltung Plus“ und trägt blaue Farbe. Die hier eingeordneten Tierwohl-Siegel müssen den Tieren mindestens 10 Prozent mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial bieten. Mit dieser Stufe werden zum Beispiel Produkte gekennzeichnet, die das Siegel der Initiative Tierwohl (ITW) tragen. Erkennbar ist die ITW-Ware am Produktsiegel, das neben dem Haltungsform-Kennzeichen auf der Verpackung angebracht ist.

Die Stufe 3 heißt „Außenklima“ und ist orange eingefärbt. Hier haben die Tiere noch einmal mehr Platz und dazu unmittelbaren Frischluftkontakt zum Beispiel durch so genannte Offenfrontställe. In dieser Stufe sind z.B. Qualitätsfleischprogramme des Lebensmitteleinzelhandels zu finden.

Die vierte und höchste Stufe ist grün eingefärbt und heißt „Premium“. Hier finden Verbraucher*innen Produkte der Bioverbände und andere Siegel, die besonders hohe Tierwohlkriterien erfüllen. So müssen die Tiere  neben einem im Vergleich zu Stufe 3 noch einmal erhöhten Platzangebot auch verpflichtend Auslaufmöglichkeiten haben.

Ein Siegel wie Haltungsform bietet den Konsumenten*innen die Möglichkeit, bewusstere Kaufentscheidungen im Hinblick auf Tierwohl zu tätigen. 

Interview: Was verbirgt sich hinter dem Siegel Haltungsform??

Dr. Patrick Klein, Sprecher der Initiative Tierwohl und Haltungsform

Herr Dr. Klein, Tierwohl ist in aller Munde und wir von LAND.SCHAFFT.WERTE. haben uns in unserer aktuellen Kampagne das Ziel gesetzt, Tierwohl aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten. In unserem neuesten Video schauen wir uns die unterschiedlichen Stallformen in Deutschland an und daher liegt es nahe, dass wir uns an dem Siegel Haltungsform orientieren. 

Starten wir mit einer Frage zum Aufwärmen. Wie ist die Idee zu Haltungsform im Jahre 2019 eigentlich entstanden? 

Bereits 2018 haben einige Unternehmen des LEH mit einer je eigenen Haltungskennzeichnung begonnen. Um eine Einheitlichkeit herzustellen, haben die in der Initiative Tierwohl (ITW) engagierten führenden Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels die ITW-Trägergesellschaft mit der Entwicklung und Umsetzung eines einheitlichen Systems beauftragt. Der Grundgedanke war und ist, Verbraucher*innen eine schnelle Kaufentscheidung anhand von Tierwohl-Aspekten zu ermöglichen, ohne die Leistung der einzelnen Tierwohl-Programme zu gefährden. Deshalb ordnet die Haltungsform-Kennzeichnung die Tierwohlprogramme lediglich in vier Stufen ein. Das Siegel der Programme bleibt dabei auf der Verpackung neben dem Siegel der Haltungsform-Kennzeichnung erhalten.

Wer sind die Beteiligten und von wem ging die Initiative aus? 

Es machen die führenden Unternehmen des LEH mit. Das sind Aldi Nord, Aldi Süd, EDEKA, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und REWE. Diese Unternehmen waren es, die 2018 die ITW-Trägergesellschaft mit der Entwicklung und Umsetzung der Haltungsform-Kennzeichnung beauftragt haben.

Die Einführung der Haltungsform-Kennzeichnung kann als Erfolgsgeschichte betrachtet werden. Inzwischen finden befragte Verbraucher*innen die vierstufige Siegel-Klassifikation deutschlandweit in über 20.000 Filialen der teilnehmenden Lebensmitteleinzelhändler. Diese kennzeichnen über 90 Prozent des einschlägigen Fleischangebots mit dem Haltungsform-Siegel. Bei den Verbraucher*innen kommt das Ganze ebenfalls gut an. Laut einer repräsentativen Befragung des renommierten forsa-Instituts vom Dezember 2020 haben fast die Hälfte der Deutschen das Siegel beim Einkauf bewusst wahrgenommen. 87 Prozent finden die Kennzeichnung der Haltungsform gut oder sehr gut. Und 79 Prozent der Bürger*innen in Deutschland sind davon überzeugt, dass durch die Kennzeichnung die Verbraucher*innen das Thema Tierwohl beim Einkauf stärker berücksichtigen.

Wie definieren Sie Tierwohl? 

Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Grundsätzlich versteht man unter „Tierwohl“ eine ausbalancierte Mischung von Aspekten der Tiergesundheit, des Wohlbefindens und der Möglichkeit, arttypisches Verhalten auszuleben. Soweit die Theorie. 

In der Praxis bewegt sich „Tierwohl“ darüber hinaus immer auch im Spannungsfeld von Zielkonflikten. So geht es um die Frage, wie viel Tierwohl sich Verbraucher*innen leisten können oder wollen. Oder um die Herausforderung, dass Tierwohl freundliche Ställe, etwa im Bio-Bereich, oft eine schlechtere Umweltbilanz haben, weil sich Emissionen in der Freiland-Haltung im Gegensatz zur Haltung in Ställen nicht filtern lassen.

Umfragen zeigen, dass die Bereitschaft „Tierwohllabelfleisch“ zu kaufen bei der Mehrheit der Konsumenten*innen vorhanden ist. An der Kasse sieht es dann häufig anders aus. Welche Schritte sollten Ihrer Meinung nach getan werden, dass die geäußerte Bereitschaft sich auch in eine Kaufbereitschaft umwandelt? Oder gibt es noch zu wenig „Tierwohlfleisch“? 

Es herrscht hier ein Denkfehler vor, wenn man glaubt, diese Herausforderung ließe sich einfach so von oben herab in einem einzigen großen Schritt erzwingen. Wir bei der ITW haben die Erfahrung gemacht, dass sich Tierwohl am besten durch einen evolutionären Prozess in die Breite tragen lässt. Man schaut sich an, wo stehen die Landwirt*innen und was sind die meisten Verbraucher*innen bereit mitzutragen? Und dann geht man kleine, machbare Schritte. So konnten wir viele Landwirt*innen mitnehmen und durch ein großes Engagement des beteiligten Handels auch die Verbraucher*innen.

Die Verbraucherzentrale hat in einem Statement Ende des Jahres 2020 deutlich gemacht, dass es sich bei Haltungsform – ihrer Meinung nach – um kein Tierwohl-Siegel handelt und fordert daher ein staatliches Tierwohlsiegel mit Kriterien, die deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard liegen. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

Man muss hier unterscheiden zwischen Haltungskennzeichnungen und Tierwohl-Siegeln. Die Haltungsform-Kennzeichnung klassifiziert die im Markt aktiven Tierwohl-Siegel. Sie ist eine Haltungskennzeichnung und hat in erster Linie nicht den Anspruch, mehr Tierwohl zu schaffen, sondern es geht um Transparenz, um Einordnung für die Verbraucher. Die Forderung der Verbraucherzentralen zeugt von einem Missverständnis der Haltungsform und des Marktes. Die Haltungsform-Kennzeichnung soll keine Tierwohl-Siegel ersetzen. Im Gegenteil ist sie ohne diese gar nicht umsetzbar. Es geht darum, Tierwohl-Siegel zu stärken und ihre Leistungen den Verbraucher*innen näher zu bringen. Das würde übrigens auch für ein staatliches Tierwohl-Siegel gelten.

Wie sieht es bei unseren Nachbarn aus? 

Starten wir mit den Niederlanden. Dort gibt es eine ähnliche Initiative wie die Initiative Tierwohl in Deutschland. Initiatoren der „Varkensvlees van morgen”- Initiative (Schweinefleisch von morgen) sind die niederländischen Landwirte und die Fleisch- und Lebensmittelbranche, ähnlich wie hier in Deutschland. Auch hier war ein Mehr an Tierwohl der ausschlaggebende Aspekt für diese Branchenlösung. Schon einige Jahre vorher wurde das Tierschutzlabel „Beter Leven“ (Besseres Leben) initiiert. Dieses Label findet der/die niederländische Verbraucher*in auf den einzelnen Fleischprodukten wieder. Hierbei handelt es sich um ein Sternesystem, anhand dessen erkennbar ist, nach welchen Kriterien die Tiere gehalten werden.

Unser Nachbarland Dänemark setzt in puncto Tierwohl und Tierschutz auf ein staatliches Tierwohllabel, wie es auch in Deutschland diskutiert wird. Größter Unterschied zu den Brancheninitiativen in den Niederlanden und Deutschland ist, dass in Dänemark der Staat die Landwirte kontrolliert und komplett das Marketing dieses Siegels übernommen hat. Anhand von grünen Herzen können die Verbraucher*innen erkennen, wie die Tiere gehalten worden sind. 

In den verschiedenen europäischen Ländern existieren die unterschiedlichsten Labelformen, die alle eins gemeinsam haben: Sie setzen sich für mehr Tierwohl ein und dies kann der Verbraucher*in auch anhand der Siegel gut erkennen. Nichtsdestotrotz gehen die europäischen  Diskussionen immer mehr in die Richtung, dass ein europäisches Tierwohllabel geschaffen wird. Die deutsche Agrarministerin Julia Klöckner ist eine der treibenden Kräfte, da ein einheitliches Label die Transparenz für den Verbrauchenden erhöht, eine einheitliche Herkunftskennzeichnung  und mehr Klarheit geschaffen wird.

#farbekennen

In den letzten Jahren hat sich die gesellschaftliche Diskussion in puncto Tierhaltung und Landwirtschaft stark verändert. Begründen lässt sich dieser Wandel mit den veränderten Erwartungen der Gesellschaft an die landwirtschaftliche Branche. Beherrschte in den Nachkriegsjahren der Wunsch nach einer sicheren und ausreichenden Versorgung mit Lebensmitteln, so hat sich dieser in den letzten Jahren grundsätzlich verändert. Frei nach Christian Dürnberger können wir es wie folgt formulieren „Die Gesellschaft ist satt. Sie hungert stattdessen nach neuen (und anderen) Werten.“  

Aktuell steigt der Wunsch der Gesellschaft zu erfahren, wie die Tieren gehalten werden. Forderungen nach einer nachhaltigen, tierwohlbasierten & ethisch korrekten Tierhaltung gewinnen immer mehr an Substanz. Diesem gesellschaftlichen Wunsch folgend, befindet sich die landwirtschaftliche Branche in einem der größten Strukturwandel, den sie je zu bewältigen hatte. 

Der begonnene Strukturwandel zeichnet sich auch in der Anzahl an Tieren in den vier Haltungsform-Stufen ab. Die Anzahl an Tieren in der Haltungsform 1 überwiegt immer noch, wird aber kontinuierlich weniger werden. Die Haltungsformen 3 und  4 spielen, auch aufgrund ihre höheren Verbraucherpreise, bei den Verbrauchenden aktuell eher eine Nebenrolle, sodass auch hier das Angebot niedriger ist. Angebot und Nachfrage bestimmen am Point of Sale die Menge der angebotenen Produkte. 

In der Stufe 2 wird es durch die neue Phase bei der Initiative Tierwohl, die Anfang des Jahres gestartet ist, einen nennenswerten Anstieg in den nächsten Monaten geben (2021 werden es 35 Prozent sein, statt bisher 6 Prozent). Viele Betriebe wechseln bzw. stehen kurz vor einem Wechsel  von der Haltungsstufe 1 zu 2. Für die Tiere bedeutet dies ein Mehr an Platz und Beschäftigungsmaterial. Der nächste Schritt zu Haltungsform 3 ist mit  höheren politischen, umwelttechnischen und wirtschaftlichen Hürden verbunden, sodass sich hier der Wandel länger hinziehen wird. 

Fazit:

Für die Landwirte*innen und die landwirtschaftliche Branche allgemein ergeben sich durch die gesellschaftlichen Forderungen verschiedene Zielkonflikte, die es zu lösen gilt. Auf der einen Seite stehen die gesellschaftlichen Forderungen, denen sie nachkommen möchten. Auf der anderen Seite sind es die wirtschaftlichen und politischen Aspekte, nach denen sie produzieren müssen und die ihnen teilweise wenig finanziellen und betrieblichen Spielraum geben. 

Ziel aller muss es daher sein, dass den Landwirten*innen und schlussfolgernd auch der landwirtschaftlichen Branche gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen gegeben werden, die es ihnen ermöglicht ihre Betriebe nachhaltig und tiergerecht zu führen. Nur so ist es möglich eine Tierhaltung in Deutschland zu erhalten, die gesellschaftlich akzeptiert, nachhaltig und tierwohlgerecht ist. Denn eins dürfen wir in der ganzen Diskussion nicht vergessen, die vorherrschenden Standards sind in Deutschland die höchsten, die aktuell vorherrschen.

Die ISN – die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands hat eine Kampagne zur aktuellen Situation ins Leben gerufen: https://www.schweine.net/news/stallbaubremse-loesen-niedersachsen-bundesrat.html

Quellen:

Albersmeier, F., Spiller, A. (2010): Die Reputation der Fleischwirtschaft: eine Kausalanalyse. In: German Journal of Agricultural Economics 60(4): 258-270

BMEL Ernährungsreport 2021

https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/tierwohl-kennzeichen/tierwohl-kennzeichen_node.html, Stand: 11. Mai 2021

Christian Dürnberger, Ethik für die Landwirtschaft: Das philosophische Bauernjahr

DGfZ-Stellungnahme „Beitrag der Züchtung zu Gesundheit und Wohlergehen von zur Erzeugung von Lebensmitteln gehaltener Tiere“, 2021

Enneking, Ulrich, Kaufbereitschaft bei verpackten Schweinefleischprodukten im Lebensmitteleinzelhandel, https://www.hs-osnabrueck.de/fileadmin/HSOS/Homepages/Personalhomepages/Personalhomepages-AuL/Enneking/Tierwohlstudie-HS-Osnabrueck_Teil-Realdaten_17-Jan-2019.pdf, Stand: 08. Juni 2021

Initiative Tierwohl: https://initiative-tierwohl.de/, Stand: 04. Mai 2021

Haltungsform: https://www.haltungsform.de/ , Stand: 04. Mai 2021

Kamphues, Josef, TiHo Hannover, pers. Mitteilung

Klein, Patrick, Haltungsform, pers. Mitteilung

KTBL-Tagungsband „Herausforderung Tierwohl“, KTL-Tagung 2015

LFL Grub: https://www.lfl.bayern.de/ite/schwein/150801/index.php , Stand: 04. Mai 2021

https://www.tierwohl-staerken.de/einkaufshilfen/tierwohl-label/, Stand 11. Mai 2021

Pirsich, W.: Tierwohl in der Fleischbranche, Label – Verbrauchereinstellungen – Vermarktungswege, 2017: http://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000-0023-3F37-D