Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen und uns etwas über Ihren beruflichen Werdegang sowie Ihre aktuelle Tätigkeit bei der GIZ erzählen?
Mein Name ist Elgin Atakli und ich arbeite aktuell als Beraterin für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH in der Abteilung für Ländliche Entwicklung und Agrarwirtschaft. Schwerpunkt meiner Beratungsarbeit ist das Thema Agrarhandel.
Ich habe mich schon während meines Studiums der Wirtschaftswissenschaften auf das Thema Agrarhandel spezialisiert und war bei verschiedenen Institutionen wie IFCN (International Farm Comparison Network) Dairy Research Network und dem International Trade Centre (ITC) in dem Bereich tätig, bevor ich 2021 in die GIZ wechselte.
Wie schätzen Sie die aktuelle Versorgungssicherheit Deutschlands mit Lebensmitteln ein?
Die aktuelle Versorgungssicherheit Deutschlands mit Lebensmitteln ist insgesamt hoch – zumindest gemessen am Selbstversorgungsgrad, welcher bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Getreide, Kartoffeln, Zucker, Milch und Fleisch über 100 Prozent liegt. Das heißt, in Deutschland wird ausreichend produziert, um die eigene Nachfrage zu decken. Die Ausnahmen bilden etwa Gemüse und Obst, hier sind wir größtenteils auf Importe aus dem Ausland angewiesen.
Aber: Diese scheinbare Stabilität beruht auf einem hochgradig globalisierten und energieintensiven Ernährungssystem – und genau darin liegen mittelfristig die Risiken.
Gibt es aus Ihrer Sicht kritische Abhängigkeiten von Importen, insbesondere bei tierischen Produkten, Futtermitteln oder Vorprodukten?
Ja, es gibt kritische Abhängigkeiten. Ich möchte dies an einem Beispiel erläutern: Deutschland hat einen Selbstversorgungsgrad von weit über 100 Prozent bei Schweinefleisch. Trotzdem konnte sich die Branche den globalen Krisen der vergangenen Jahre nicht entziehen: Arbeitskräfteausfälle in Schlachthöfen während Corona legten Teile der Versorgung lahm, Ausbrüche von der Afrikanischen Schweinepest führten zu Exportstopps und ein sehr hoher Importanteil von Futtermitteln schuf eine Abhängigkeit von globalen Märkten. Der Import von Soja aus Südamerika ist kritisch für die Mast in der Schweinehaltung und der hohe Selbstversorgungsgrad täuscht darüber hinweg, dass die dahinterliegende vorgelagerte Produktion nicht autark, sondern hochgradig in globale Lieferketten integriert ist.
Ein weiterer kritischer Input ist Energie, denn die Produktion tierischer Lebensmittel ist energieintensiv – von Futtertrocknung über Stallklimatisierung bis zur Kühlkette. Hohe Energiepreise oder Engpässe bei fossilen Brennstoffen wirken sich direkt auf Produktionskosten aus. Auch hier besteht eine versteckte Importabhängigkeit.
Kurz gesagt: Ja, wir sind aktuell gut versorgt und wir profitieren dabei von der Integration in globale Lieferketten. Aber diese Sicherheit ist nicht selbstverständlich. Deshalb sollte der Fokus in Zukunft nicht nur auf Produktionsmengen liegen, sondern auch auf Nachhaltigkeit und Krisenfestigkeit unseres Ernährungssystems.
Sollte Deutschland in bestimmten Bereichen autarker werden – und wenn ja, wo konkret?
Importabhängigkeit gilt in Krisenzeiten als Schwäche, doch vollkommene Autarkie ist für viele Staaten weder realistisch noch wünschenswert. Deutschland muss nicht völlig autark werden – das wäre in einem globalisierten Ernährungssystem weder wirtschaftlich sinnvoll noch ökologisch effizient. Aber: In bestimmten Bereichen ist es durchaus strategisch geboten, dass wir eigenständiger werden – vor allem dort, wo Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit oder politische Steuerungsfähigkeit auf dem Spiel stehen.
Der Begriff Versorgungssicherheit fällt oft, wenn es um Landwirtschaft und Ernährung geht. Sie selbst sprechen lieber von Ernährungssicherheit. Wo liegt der Unterschied – und warum ist das wichtig?
Versorgungssicherheit meint vor allem, dass genügend Lebensmittel vorhanden sind – also dass die Regale gefüllt sind und die Lieferketten funktionieren. Dieses Verständnis ist wichtig, aber es greift zu kurz, wenn wir über Ernährung in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sprechen.
Das Konzept der Ernährungssicherheit, das in der internationalen Zusammenarbeit eine wichtige Rolle spielt, geht weiter: Es fragt nicht nur, ob Lebensmittel physisch verfügbar sind, sondern auch, ob alle Menschen ökonomischen Zugang zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung haben – dauerhaft und unabhängig von Krisen.
Auch in Deutschland wird Ernährungssicherheit zunehmend relevanter – etwa, wenn die Preise für Grundnahrungsmittel steigen und Haushalte mit geringem Einkommen gezwungen sind, bei Qualität, Vielfalt oder Frische zu sparen. Inflation trifft nicht alle gleich – und der Zugang zu guter Ernährung wird damit zur sozialen Frage mit hohen individuellen und gesellschaftlichen Kosten. Wenn wir Ernährungspolitik nur unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit betrachten, verlieren wir genau diesen sozialen Blick.
Ist die Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit mit dem Ziel der Versorgungssicherheit vereinbar?
Ja – langfristig ist sie nicht nur vereinbar, sondern notwendig. Eine Landwirtschaft, die Ressourcen übernutzt, Artenvielfalt gefährdet oder das Klima belastet, kann keine dauerhafte Versorgung sicherstellen.
Kurzfristig kann es aber zu Zielkonflikten kommen – etwa, wenn höhere Tierwohlstandards oder klimaschonende Produktionsweisen mit höheren Preisen einhergehen. Gerade deshalb muss Ernährungssicherheit ins Zentrum rücken – denn es geht um mehr als nur Nahrungsmenge: Es geht darum, dass sich alle Menschen – unabhängig von ihrem Einkommen – gesunde und gute Lebensmittel leisten können und niemand durch die notwendigen Veränderungen ausgeschlossen wird. Aus unserer Perspektive bei der GIZ heißt das: Die Transformation muss sozial gestaltet werden – in Deutschland und weltweit.
Vielen Dank für das Interview!