Schweine tierschutzgerecht mit CO2 betäuben?

Tierschutz – ein gesamtgesellschaftliches Ziel über das, zumindest in der groben Richtung, Einigkeit besteht. Doch in der direkten Diskussion wird ein besonders sensibles Thema gerne ausgeklammert: Die Schlachtung. Die meisten Menschen wünschen sich eine möglichst schonende Schlachtung für das Tier, ohne die das wertvolle Lebensmittel Fleisch nun einmal nicht auf unserem Speiseplan stehen kann. Punkt.

Wir haben uns dieser Thematik gewidmet, Schlachthöfe besucht und unsere Erfahrungen mit Euch geteilt. Was schnell klar wurde: Die Betäubung von Schweinen mit CO2 beschäftigt viele von Euch.

Daher haben wir mit Dr. Martin von Wenzlawowicz gesprochen. Zusammen mit Dr. Karen von Holleben -beide sind Fachtierärzte für Tierschutz- leitet er das Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung Schwarzenbek – kurz bsi Schwarzenbek. Das Team aus vier Tierärzten kümmert sich neben der Beratung und Schulung z. B. von Landwirten, Tierärzten und Schlachthofpersonal auch um Forschung zu angewandtem Tierschutz bei Nutztieren.

Als Ansprechpartner für diese kritische Thematik stand uns Herr Dr. von Wenzlawowicz Rede und Antwort.

Herr Dr. von Wenzlawowicz, schön dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.

Wird in Deutschland ein Tier geschlachtet, muss es auch betäubt werden. Bei einem Großteil der deutschen Schweine, geschieht dies mittlerweile mit dem Gas CO2.

Wie kann man sich eine Betäubung mit CO2 bei Schweinen vorstellen?

Die Schweine werden in Gruppen in Gondeln aus Metall getrieben. Diese Gondeln senken sich in eine Grube, in der sich eine hohe CO2-Konzentration befindet. Die Schweine atmen das CO2 ein und werden innerhalb von 10-15 Sekunden betäubt. CO2 senkt den pH-Wert und stört dadurch die Reizleitung im Gehirn. Die Nervenzellen können keine Signale mehr verarbeiten. Eine ähnliche Wirkung haben Narkosemittel, die in der Humanmedizin angewendet werden.

Wieso hat sich gerade diese Methode etabliert? Wo liegen die Vorteile?

Diese Methode eignet sich, weil sie eine hohe Schlachtgeschwindigkeit bei hoher Betäubungseffektivität ermöglicht und im Gegensatz zur elektrischen Betäubung nur selten zu Schlachtkörperschäden führt. Sie hat außerdem den Vorteil, dass die Schweine bis unmittelbar vor der Betäubung in Gruppen laufen können. Dies kommt ihrem Verhalten mehr entgegen, als wenn sie aus einer Gruppe einzeln abgetrennt werden müssen, um die Elektrozange gezielt ansetzen zu können.

Nach wie vor steht die Betäubung mit CO2 zur Diskussion. Kritisiert wird das Verfahren besonders mit Blick auf den Tierschutz. Was genau ist das Problem?

Die Einleitungsphase. CO2 stimuliert die Atmung und kann das Gefühl von Atemnot hervorrufen. CO2 kann auch auf den Schleimhäuten stark reizend wirken. Wie belastend die CO2-Betäubung ist, hängt ganz wesentlich von der Art der Durchführung ab. Problematisch sind z.B. eine zu hohe Belegdichte der Gondeln, eine stressige Vorbehandlung der Schweine und die angsteinflößende Gestaltung der älteren Anlagen. In denen sind Panikreaktionen der Schweine auch dann festzustellen, wenn gar kein CO2 in der Anlage ist. Auch die Genetik der Schweine spielt eine Rolle.

Treten diese Probleme auch dann auf, wenn ein Schlachtunternehmen die CO2-Betäubung „im Griff hat“, also mit neuesten Anlagen 1 und geschultem Personal?

Ja, aber es gibt Betriebe, in denen die Schweine viel seltener und  weniger mit Anzeichen von Stress (z.B. Schreien, Fluchtversuche und Übereinandersteigen) reagieren, und auch im gleichen Betrieb deutlich unterschiedliche Reaktionen während der Einleitungsphase. Die Vorbehandlung der Schweine ist offenbar von wesentlicher Bedeutung wie eben auch die Belegdichte in den Gondeln.

Man hört viel über alternative Methoden: CO2 soll ganz oder teilweise durch Argon, Stickstoff oder Helium ersetzt werden. Was sind die Stolpersteine? Gibt es aktuell eine geeignete Alternative zum CO2?

In Atmosphären, die aus Argon, Argon-Stickstoff-Gemischen oder Helium bestehen, können Schweine stressfrei betäubt werden. Diese Erkenntnisse stammen aus mehreren Studien, müssten aber noch in der Routineschlachtung bestätigt werden. Wenn Schweine in diesen nahezu sauerstoff-freien (anoxischen) Gasatmosphären betäubt werden, gibt es vor allem bei Argon oder Argon-Stickstoff-Gemischen nach dem Verlust der Wahrnehmungsfähigkeit starke Krämpfe. Diese Krämpfe sind vermutlich die Ursache für Schlachtkörperschäden in Form von Blutpunkten in den wertvollen Teilstücken. Um diesem Problem entgegenzuwirken, müssten die Schweine daher nach der eintretenden Betäubungswirkung rasch in eine Atmosphäre mit CO2 verbracht werden. CO2  wirkt dann den Krämpfen während der Narkose entgegen. Aus unserer Sicht besteht der wesentliche Stolperstein darin, dass bislang keine großtechnischen Lösungen für die Alternativen zum CO2 entwickelt wurden. Daher sollte man auf jeden Fall auch weiter an der optimalen Gestaltung der CO2-Betäubung arbeiten.


  1. Schema einer modernen Backloader Anlage